Montag, 24. September 2018

Gabis Kolumne

Das „starke“ Geschlecht

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Guten Tag!

Heddesheim, 07. Dezember 2009.

Die Weihnachtszeit erinnert neben all dem Kommerz den ein oder anderen auch an den eigentlichen Sinn der Feier: Als das „Fest der Liebe und der Andacht“ an den Mann, der dem Abendland als Sinn- und Religionsstifter das Christentum beschert hat. Unsere Kolumnistin Gabi lĂ€sst die Zeit Revue passieren und stellt sich die Frage, wie es ist mit der Liebe und dem Kampf steht und wie wir Menschen miteinander umgehen.

Die Weihnachtszeit ist eine gute Zeit, um ĂŒber alles noch einmal nachzudenken, findet Gabi. Und neben all dem Glitzer und Geblinke fĂ€llt ihr auf, dass es immer wieder um Frauen und MĂ€nner geht, um Liebe und Nachsicht, aber auch um Kampf und HĂ€rte. FĂŒr Gabi ist klar, wer das wahre starke Geschlecht ist.

„Probier es doch mit reden…“

„Wehr dich! Schlag zurĂŒck!“, „Gewalt ist keine Lösung“, „Das darfst du dir nicht gefallen lassen“, „Probier es doch mit reden, bevor du zurĂŒck haust“ – kommen in Ihnen diese RatschlĂ€ge bekannt vor? Wenn Sie eine Frau sind, sicher weniger, sind Sie mĂ€nnlich ist das Ihnen sicherlich vertraut.

Vor kurzem habe ich die Vorschau fĂŒr eine von diesen deutschen Komödien gesehen – in die ich sicher nicht reingehen werde – in der es mal wieder um Mann und Frau und unser RollenverstĂ€ndnis ging. In kurzen Sequenzen wurde zusammengeschnitten, wie kleine Jungs von Mutter und Vater gebrieft werden – wie immer mit diametral entgegen gesetzter Botschaft.

WĂ€hrend wir als MĂ€dchen in dem Bewusstsein aufwachsen, alle großen und kleinen Probleme der Welt mit Kommunikation und VerstĂ€ndnis lösen zu können, bekommen unsere kleinen und großen BrĂŒder, die Jungs aus der Nachbarschaft, unsere EhemĂ€nner und Söhne zwei ÃƓberzeugungen vermittelt, die weibliche und die mĂ€nnliche.

Folgendes Szenario: Woran denken Sie bei kleinen Jungs und lange GegenstÀnden? Richtig, aus den langen GegenstÀnden (Stock) wird ein Schwert, aus dem Rohre eine Knarre. Das Ende der Geschichte sind meist Blessuren und TrÀnen des Schmerzes und der Wut, unterlegen zu sein oder des Triumphs, der Sieger zu sein.

„Jungs mĂŒssen sich prĂŒgeln“, sagt der „Buddhist“.

„Jungs brauchen das, sie mĂŒssen ihre KrĂ€fte messen, sie mĂŒssen sich prĂŒgeln“, sagte erst vor kurzem wieder der Mann einer Freundin, der sich normalerweise zu der friedlichen Weltanschauung des Buddhismus bekennt.

Ob beim Fußball oder beim Eishockey – Spieler und Fans scheuen weder vor körperlichen noch vor verbalen Attacken zurĂŒck – ein mĂ€nnliches PhĂ€nomen. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Damenfußball als Gegenbeispiel.

Jungs, die sich nicht wehren, sind Looser. MĂ€dchen dagegen Opfer.

Vor zwei Jahren wurde mein Sohn von einem Ă€lteren, körperlich eindeutig ĂŒberlegenen MitschĂŒler gepiesackt und auch körperlich angegangen. Mein Rat, „rede mit dem Lehrer, rede mit dem Jungen, bleib bei deinen Freunden“. „Ja, ja, alles richtig“, meinte mein Mann, „aber wenn das alles nichts hilft, musst du dich wehren, hau zurĂŒck.“

Die kleinen MĂ€nner wachsen in ihrem Alltag, zu Hause, im Kindergarten, in der Grundschule zumeist – und das hat sich durch die Emanzipation wenig geĂ€ndert – unter Frauen auf. Doch ihre Vorbilder suchen sie in der mĂ€nnlichen Welt: Im Sport, beim Vater-Sohn-Campen, in den Heldengeschichten in BĂŒchern und Filmen.

Jungs mĂŒssen sich mit ihren VĂ€tern kappeln, MĂ€dchen dĂŒrfen schmusen. Schmusende Jungs sind ab einem bestimmten Alter Muttersöhnchen und dĂŒrfen es dann erst wieder mit der Freundin, denn das ist ja dann mĂ€nnlich.

„Was ist Erfolg?“

Ganz schön viele Klischeés, meinen Sie? Denn es hat sich doch schon ganz schön viel verÀndert. Ist das so? Dann frage ich Sie ganz einfach: Wann hat ihr Mann zum letzten Mal mit ihrem Sohn so richtig nett gekuschelt? Oder, wann hat Dich Dein Vater mal so richtig lieb lÀnger als zwei Sekunden in den Arm genommen? Oder einen jungen Mann: Wann bist Du das letzte Mal mit Deinem Freund Hand-in-Hand durch die Stadt gelaufen?

Merken Sie was?

WĂ€hrend meines Studiums- zugegebenermaßen ist das schon eine Weile her -war der Softie groß in Mode, mit ihm konnte man stundenlang quatschen, den Liebeskummer besprechen, er war perfekt beim Zusammenleben, weil er einkaufen ging und auch mal die Waschmaschine betĂ€tigte.

Doch die angesagten Typen waren schon immer nicht wirklich WG-tauglich. Die Alpha-MĂ€nner waren begehrt und verströmten Erfolg. Und fĂŒr Erfolg muss man sich ja schließlich durchsetzen können, man muss sich wehren. Verstehen Sie, was ich meine?

Nach diesen ÃƓberlegungen betrachte ich die kleinen und großen MĂ€nner aus ganz neuen Augen, was mĂŒssen sie sich doch beweisen, was mĂŒssen sie sich messen.

Bleibt die Frage: FĂŒr wen tun sie das alles?

Schließlich wissen wir Frauen: Das einzig wirklich starke Geschlecht sind wir.

Und diese StÀrke sollten wir erfolgreicher durchsetzen.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.