Mittwoch, 26. September 2018

Die Angst vor der „völlig falschen Darstellung“ fängt bei der Selbstdarstellung an

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Guten Tag!

Heddesheim, 07. Oktober 2009. Der „Pfenning“-Anwalt Dr. W. Gottwald hat heute ein Phänomen beschrieben, dass die Unternehmensgruppe angeblich schwer beschäftigt – für das sie jedoch komplett selbst verantwortlich ist.

Kommentar: Hardy Prothmann

Der „Pfenning“-Anwalt sagte vor Gericht, als der Vergleich schon fast gefunden war: „Uns geht es auch darum, dass das nicht in den Medien ausgeschlachtet wird. Meine Befürchtung ist, dass das in den Medien völlig falsch dargestellt wird.“

Dieser Auffassung konnte und wollte der Vorsitzende Richter am Landgericht, Dr. Kircher nicht folgen. An einem Punkt schien er auch ein wenig ärgerlich zu werden – zumindest aber streng: „Sie haben keinen Anspruch auf eine in Ihren Augen „richtige“ Darstellung„, sagte der Richter und zitierte den Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

Denn der schützt die Meinungsfreiheit. Vor allen geschäftlichen, politischen oder sonstigen Interessen. Einen Anwalt, der ein Unternehmen vertritt, das nicht gerade für eine große Transparenz steht – muss diese Aussage hart treffen. Aber er muss sie hinnehmen. Denn gegen das Grundgesetz helfen keine geschäftlichen Verbindungen, keine Hinterzimmervereinbarungen, kein Geld, kein Einfluss – meistens jedenfalls.

Ist die Unternehmensgruppe Pfenning in den Medien bislang „völlig falsch“ dargestellt worden? Ganz sicher. Der Mannheimer Morgen hat überwiegend unkritisch und bislang (seit mindestens Februar dieses Jahres) ebenso überwiegend recherchefrei über das geplante Projekt berichtet.

Das Rhein-Neckar-Fernsehen hat in einer voreingenommenen, journalistisch unterirdisch schlechten „Talk“-Runde ordentlich PR für das Unternehmen gemacht.

Das angebliche „Wirtschaftsmagazin“ des MM, „econo„, hat einen durch Werbung befeuerten Artikel für „Pfenning“ geschrieben.

Die Berichterstattung der Rhein-Neckar-Zeitung, des Viernheimer Tageblatts und anderer Blätter, in die man am besten einen Fisch einwickelt, ist an unkritischer Haltung und fehlender Recherche fast nicht zu überbieten.

Ich kann diese Meinungen einfach so behaupten, weil es keines der Zeitungshäuser wagen wird, mich deswegen zu verklagen. Warum? Ganz einfach. Stellen Sie sich die Schlagzeile vor: „Gericht bestätigt unkritische Berichterstattung und mangelnde journalistische Recherche des Mediums XY“.

Das waren ziemlich viele Beispiele für „falsche“ Darstellungen in den Medien.

Die hat der Anwalt aber nicht gemeint.

Somit bleibt das heddesheimblog als einziges Medium übrig, das gemeint sein könnte. Noch mal der Anwalt: „Uns geht es auch darum, dass das nicht in den Medien ausgeschlachtet wird. Meine Befürchtung ist, dass das in den Medien völlig falsch dargestellt wird.“

Herr Anwalt, seien Sie versichert, das wird es nicht. Denn wenn Sie auch nur den klitzekleinsten Fehler entdeckt hätten, hätten Sie das heddesheimblog schon längst und immer wieder vor Gericht gezerrt. Das konnten Sie nicht, weil hier „in den Medien“ eben nichts „völlig falsch“ dargestellt wird.

Dafür haben Sie sich als Opfer die IG ausgesucht – und Ihr Ziel nicht erreicht. Insofern war es eine Niederlage.

Passen Sie gut auf, Herr Anwalt, was folgt ist kein Schlachfest, sondern eine Meinungsäußerung: Ihre Klage auf eine „Einstweilige Verfügung“ gegen die IG war vollständig überzogen und nicht nachvollziehbar. Das hat Ihnen auch der Richter deutlich klar gemacht – übrigens zu Ihren Gunsten, indem er ihrem „Streitwert“ von 50.000 Euro eine Null gestrichen hat. Sie sind also gut weggekommen.

Bei der folgenden Meinungsäußerung muss ein anderer Anwalt in Heidelberg und dessen Auftraggeber in Heddesheim gut aufpassen:
Auch ihre Drohung auf eine Unterlassungserklärung war vollständig überzogen und nicht nachvollziehbar.

Was verbindet die beiden Anwälte? Sie wollen mit Macht im Auftrag ihrer Mandanten unliebige Meinungsäußerungen mit absurden Streitwerten unterdrücken.

Ok, der Satz klingt nach „Ausschlachten“. Ich schreibe ihn neu.

Was verbindet die beiden Anwälte? Sie wollen die „richtige Meinung“ durchsetzen.

Was haben diese beiden Anwälte nicht verstanden?

Zuerst einmal den Artikel 5 unseres Grundgesetzes – ein Wunder, dass die beiden ein Jura-Studium bestanden haben.

Und was haben Sie darüber hinaus nicht verstanden?

Nicht der, der Fragen stellt und keine Antworten bekommt oder fehlerhaft oder unzureichend informiert wird und dazu seine Meinung äußert, ist der „Schuldige“.

Nicht der, der Kritik übt, ist das Problem.

Es sind die, die denken, Sie könnten anderen Ihre Sicht der Dinge aufzwingen – notfalls durch teuer bezahlte, angeblich gute Anwälte. (Oder auf der ganz primitiven Ebene durch Nagelbretter.)

Das Landgericht Mannheim hat diesen Vertretern der „richtigen Meinung“ heute gezeigt, dass es souveräne Richter gibt, die zwischen „Recht“ und „Recht haben wollen“ unterscheiden können.

Denen, die ihre Angst vor einer „falschen Darstellung“ bezwingen wollen, sei geraten, zuerst mal an Ihrer eigenen Selbstdarstellung zu arbeiten.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.