Sonntag, 20. August 2017

Zwei Monate lang vermessen Spezialfahrzeuge den Untergrund

Die Erdölsuche hat begonnen

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Ein Messzug im Einsatz. In den kommenden Monaten wird die Umgebung durchgerüttelt. Immer rund zehn Sekunden – als wäre es eine Fußmassage.

 

Heddesheim, 07. September 2012. (red/la) Holzpflöcke mit gelben und roten Bändern säumen viele Straßen in und um Heddesheim. Ebenso wie die Aufbauten darüber und Kabel auf dem Boden gehören sie der Rhein Petroleum, die seit Anfang September mit der Vermessung des Untergrunds begonnen hat. Der erste Teil der Erdölsuche soll in zwei Monaten abgeschlossen sein. Der erste Bohrturm hingegen wird erst im Frühling 2014 zu sehen sein – wenn überhaupt.

Von Reinhard Lask

Rund 100 Mitarbeiter haben seit Anfang der Woche wie angekündigt mit der Suche nach Erdöl begonnen. Bis Ende Oktober wird auch in Viernheim, Weinheim, Hirschberg, Laudenbach und Hemsbach der Untergrund seismisch vermessen.

Michael Suana hat ins Informationszentrum in Viernheim geladen. Der Geschäftsführer von Rhein Petroleum steht in einer kargen Lagerhalle in der Alfred-Nobel-Straße. An ein Erdölunternehmen erinnert hier nichts.

Die Umgebung wird gepflöckt

Allerdings lagern hier die tausende Holzpflöcke und Geophone sowie die Verbindungskabel. Zwei Mitarbeiter prüfen die Erdmikrofone. Suana erklärt das Vorgehen: Erst fragt man die Besitzer der Grundstücke, ob Rhein Petroleum dieses für die Vermessungsarbeit betreten darf. Dann kommen Mitarbeiter mit tragbaren GPS-Geräten, die aussehen wie große Tornister und stecken „Pflöcke“ in den Boden. Dann werden die Geophone ausgelegt und zuletzt kommen die Spezialfahrzeuge und messen.

Ortstermin in Heddesheim. Die mobile Messstation befindet sich am Donnerstag beim Tennisklub. Es ist ein kastenförmiger Lkw. Wenn die Messtrupps alles in der Nähe vermessen haben, fährt auch die Messstation weiter.

Flackern, Daten, Tiefe

Das Innere des Lkw ist vollgestopft mit Technik. Ein Experte sitzt vor einer Monitorfront. Auf einem sind flimmernde Linien zu sehen. Die „Aufnahmepegel“ der Geophone. 20.000 werden insgesamt ausgelegt und von insgesamt 100 Kilometern Kabeln miteinander verbunden. Noch sind es nur Hintergrundgeräusche der vorbeifahrenden Autos. Wenn die nächste Messung beginnt, wird es etwas mehr flackern. „Mit unserer Methode können wir bis zu 4.500 Meter tief in die Erde schauen“, sagt Suana.

Die Messstation hält Funkkontakt zu den drei Messzügen, die derzeit unterwegs sind und die Messpunkte anfahren. Diese sind mit Holzpflöcken gekennzeichnet, an denen ein rotes Bändchen hängt. Wenn es ein gelbes Bändchen ist, liegt hier ein Geophon.

Ein Messzug besteht aus drei Spezialfahrzeugen. 23 Tonnen wiegt so ein geländefähiger LKW. In der Mitte des Fahrzeugs befindet sich eine absenkbare Bodenplatte, die die Schallwellen in den Boden abgibt.

Anregende Fußsohlenmassage

Als die Fahrzeuge in Position sind, erhalten sie per Funk zugleich das Signal zur „Anregung“. „Die Schallwellen haben Frequenzen zwischen 12 und 96 Hertz“, sagt Suana. Für das menschliche Ohr sind sie nicht zu hören. Allerdings zu spüren. Wenige Meter entfernt sind die Vibrationen deutlich spürbar. „Das ist ein Gefühl wie eine Fußsohlenmassage“, sagt Marcus Gernsbeck, der für die Pressearbeit zuständig ist.

Die Schallwellen werden nun von den unterschiedlichen Erd- und Gesteinsschichten reflektiert und von den  kilometerlangen Kabellinien der Geofone aufgefangen. Die Daten senden die Mikrofone zur Messstation. Rund zehn Sekunden wird gerüttelt. Dann brummen die Diesel wieder normal. Die Seismikfahrzeuge fahren zum nächsten „Pflock“.

Das wiederholt sich in den kommenden zwei Monaten zwischen Heddesheim und Weinheim täglich etliche Male von morgens bis abends. Auf den Festplatten der Messstation werden auf diese Weise bis Ende Oktober etliche Terabyte an Daten gespeichert werden.

Schwarze Flecke sind noch kein Öl

Nach Ende der Messungen werden die Daten dann in einem speziellen Rechenzentrum ausgewertet. Heraus kommen ebenso spezielle 3D-Karten des Untergrunds. Die werden jedoch keinen „schwarzen Fleck“ besitzen, die eine Erdölblase zeigen. „Die Karten zeigen uns die Übergänge einer Gesteinsschicht zur anderen“, erklärt Suana.

Auf dieser Datenbasis werden nun Geologen analysieren, wo Erdöl liegen könnte. Die Betonung liegt auf „könnte“. „Man kann da nicht genug im Konjunktiv reden“, sagt Suana. Erst wenn ein Bohrer tatsächlich auf Öl stößt, ist der Fund sicher. Bis dahin geht es nur um Wahrscheinlichkeiten. Bis zur „sprudelnden Ölquelle“ ist die Suche ein unternehmerisches Risiko. Es gibt keine Garantie, ob sich der ganze Aufwand lohnt.

Ab 2013 werden bei Rhein Petroleum die Experten die 3D-Karten analysieren. Es wird viel diskutiert werden. Es wird um viele Fragenzeichen gehen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass an Punkt X Öl liegt? Selbst wenn es danach aussieht, könnte es wieder weg sein – in eine andere Erdschicht weiterdiffundiert.

Spekulatives Geschäft – sicherer als Börsenzocken

Wenn eine vielversprechende Stelle gefunden wurde, geht es ans Eingemachte. Die Frage: Lohnt sich eine Bohrung? „Je nachdem wie leicht oder schwer wir an ein vermutliches Lager herankommen, kostet eine Bohrung zwischen drei bis fünf Millionen Euro“, sagt Suana.

Bis dahin wird es jedoch noch eine Weile dauern. „Eine Bohranlage wird frühestens im Frühling 2014 zu sehen sein.“ Wenn das Öl dann sprudelt, wird Rhein Petroleum das schwarze Gold in Karlsruhe verarbeiten lassen und das Benzin an einen anderen Konzern weiterverkaufen. Sprich: Rhein-Petroleum-Tankstellen wird es definitiv nicht geben. „Sie werden zwar Benzin von Rhein Petroleum tanken können, aber es nicht wissen“, sagt Suana.

Der größtanzunehmende Unfall für das Unternehmen wäre, wenn es zu mehreren Millionen Euro teuren Bohrungen kommt und man gar nichts findet. Doch Suana gibt sich da gelassen. Dieses Geschäft sei sicherer, als sein Geld an der Börse anzulegen. „Wenn sie sich die Börsen heute so anschauen – da suche ich lieber nach Öl“, sagt er und lacht herzlich.

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