Donnerstag, 23. November 2017

MM: Trauriger Bericht über traurigen Tag

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Heddesheim, 06. April 2011. (red) Der Mannheimer Morgen berichtet heute über einen „traurigen Tag für die Gemeinde“ – und schlägt ein weiteres Kapitel seiner Non-Sense-Berichterstattung auf.

Von Hardy Prothmann

„Ein Stück Kultur und Tradition“, geht verloren, heißt es heute im Mannheimer Morgen über das vermeintliche „Aus“ für den Tabakstandort.

Das schreibt die Zeitung, die das Wort „Tabakgemeinde“ in den vergangenen zehn Jahren insgesamt 248 in 206 Artikeln benutzt hat. Allein in den vergangen Jahren wurde das Synonym „Tabakgemeinde“ für Heddesheim in 130 Artikeln insgesamt 159 Mal verwendet.

"Heimattümelige" Berichterstattung. Quelle: MM

Absurd, denn 2007 waren es noch sieben, zuletzt waren es noch vier landwirtschaftliche Betriebe, die in Heddesheim noch Tabak angebaut haben, vor allem den Badischen Geudertheimer, einen Zigarrentabak und Virgin. Ãœbrig bleibt Alois Bach, der noch ein wenig Virgin anbaut.

Die Produktionsfläche für den Tabakanbau, der seinen Höhepunkt 1939 (sic!) hatte, lag damals bei gut 300 Hektar und 2007 nur noch bei 55 Hektar. Die 20 Hecktar Anbaufläche, die künftig mit einem der größten Logistizentren der Region („Pfenning“) bebaut sein werden, galten als bester „Tabakgrund“.

Im Ort gibt es noch einige Tabakscheunen, die mehr oder weniger nur zum Trocknen der Pflanzen nutzbar sind. Der Tabakanbau gilt als knochenharte Arbeit – vor allem die Ernte ist kräftezehrend und aufwendig. Solange das aber gutes Geld brachte, baute man die Pflanze eben an.

Seit vielen Jahren ist der Tabakanbau aber schon längst kein echtes Geschäft mehr, sondern lebte nur von massiven Subventionen. Rund 6 Euro pro Kilo würde der Heddesheimer Tabak auf dem Weltmarkt kosten. Der marktfähige Preis liegt bei zwei Euro. Der Tabak wurde also bis Ende 2009 mit zwei Dritteln subventioniert. Durch Steuergelder.

Auch von Nicht-Rauchern. Und von einer Europäischen Union, die sich dem Nicht-Raucher-Schutz verschrieben hat. Absurd? Ganz sicher. Aber Realität. Die Tabakindustrie wurde verpflichtet 3 bis 5 Prozent der Einnahmen für Rauchschutzinformationen auszugeben. Während Erzeuger mit zwei Dritteln subventioniert wurden, sagt die Großhandelsfirma Jakob Metz KG im pfälzischen Herxheim. Dort hat man auch schon reagiert und die Landwirte bauen nun Kräuter an.

Gleichzeitig liegen die „Folgekosten“ im mehrstelligen Milliardenbereich bei der Behandlung von Krankheiten durch Tabakmissbrauch.

Was also, bitte schön, ist „traurig“ daran, wenn auf Heddesheimer Gemarkung der Tabakbau nun mehr oder weniger eingestellt ist? Die Gemeinde Heddesheim ist schon seit Jahrzehnten keine Gemeinde mehr, die vom Tabak lebt.

Rupert Bach - auch sein Betrieb baut keinen Tabak mehr an, weil es sich nicht mehr lohnt.

Der Mannheimer Morgen vewendete den Begriff Tabakgemeinde diametral inflationär zur tatsächlichen Situation in den vergangenen Jahren. Warum, bleibt sein Geheimnis. Eine Erklärung wäre, dass er es „heimattümeln“ lassen will. Selbst im aktuellen Bericht wird am Ende des Textes „ein Funken Optimismus spürbar“. So sind sie meist konstruiert, die Texte jenseits von Sinn und Verstand – am Ende muss immer alles gut werden oder sein.

Ist es traurig, dass die Bauern keine absurd hohen Subventionen mehr bekommen? Ganz sicher nicht, weil die Subventionspolitik schon lange von vielen als Skandal begriffen wird und es kaum noch vermittelbar ist, warum eine kleine Gruppe von Wirtschaftsbetrieben insgesamt die höchsten Zuwendungen erhählt.

Ist es traurig, dass osteuropäische Erntehelfe keinen Knochenjob mehr machen müssen? Das ist sicherlich bedauerlich für die Arbeiter, die hier zwar Hungerlöhne erhalten, die aber in ihrer Heimat die Familien ernähren.

Ist es traurig, dass 20 Hektar bestes Ackerland für den Bau eines Logistikzentrums auf alle Zeit vernichtet werden? Das ist eine Frage der Perspektive. Ganz sicher nicht aus Sicht des Heddesheimer Bürgermeisters Michael Kessler und der Mehrheit im Gemeinderat, die durch das Logistikzentrum die „Zukunft Heddesheims“ als „gesichert“ versprechen.

Derselbe Bürgermeister Kessler lobt zu jeder anderen Gelegenheit den Ort als „Sportgemeinde“ – wie man Tabak und Rauchen und Sport als gleichzeitige Identifikationsmerkmale für ein und dieselbe Gemeinde unter einen „Hut bekommen soll“, muss niemand verstehen. Es bleibt absurd.

Homepage der Gemeinde Heddesheim. Bretter von Tabakscheunen und eine stilisierte Scheune als Logo halten die "Tradition" des Tabakbaus hoch. Quelle: Gemeinde Heddesheim

„Bald erinnert nur noch der Tabakbrunnen, der als Denkmal gesetzt wurde, an diese vergangene Zeit“, schreibt der MM weiter. Auch das ist ausgemachter Blödsinn. Die Gemeinde Heddesheim hat sich gerade ein „neues“ Corporate Design gegeben – mit stilisierten Tabakscheunen, die an die „gute, alte Zeit“ erinnern sollen.

Klar, es gibt sie noch, vereinzelt, die Tabakscheunen im Ort- unnützige Gebäude, die längst ihre Aufgabe verloren haben und für kaum einen anderen Zweck zu gebrauchen sind. Selbst ein Landwirt wie Rupert Bach hatte in den vergangenen Jahren seinen Tabak in speziellen Zelten getrocknet. Das war effektiver als in den „traditionellen Scheunen“.

Die „jungen Landwirte müssen sich neue Aufgabengebiete suchen“, heißt es weiter in der Zeitung. Auch das ist nur bedingt richtig – die jungen Landwirte haben das längst getan und bauen zur Zeit eine Biogas-Anlage auf dem Gelände der Familie Rupert Bach.

Dort wird Industriemais zu Biogas verarbeitet werden. Mit Romantik oder „Naturverbundenheit“ hat die moderne Landwirtschaft nur noch in den seltensten Fällen etwas zu tun. Landwirtschaft war lange Zeit eine subventionierte Lebensmittel erzeugende Wirtschaft und wandelt sich nun in Teilen zu einer Energiewirtschaft.

Und mit der Zeit wird die Einsicht wachsen, dass eine „Biogas-Anlage“ nur wenig mit „Bio=Gut“ zu tun hat. Diese Anlagen erzeugen keine „Bio-Lebensmittel“, dafür aber CO2, besser bekannt als Treibhausgas.

Diese Zusammenhänge will oder kann der Mannheimer Morgen nicht darstellen. Wenn Sie noch Abonnent der Zeitung sein sollten, schreiben Sie doch mal die Redaktion an und fragen Sie nach. Die Antwort – so sie denn kommen sollte – dürfen Sie gerne an uns weiterreichen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Sehr guter Text. Astrein.

  • Horst Berger

    Diese Biogas-Projekt ist nicht nachhaltig geplant! Wir werden es u.a. bald riechen dürfen!

    Rupert Bach wird Mais als „Energielieferant“ ( höchster Methanertrag)anbauen.

    Mais wird in großflächigen Monokulturen als Energiepflanze angebaut mit den Folgen, dass die Artenvielfalt zerstört wird, Kleinlebewesen in Boden und Gewässern absterben sowie Bodenstrukturen durch fehlende Fruchtfolgen veröden. Stilllegungsflächen und Dauergrünland werden vielfach zunehmend als Maisanbauflächen genutzt.

    Die große Masse der bei der Biogaserzeugung anfallenden Wärme geht zudem einfach in die Luft. Eine zusätzliche Vergütung von 2 Cent je anfallender Kilowattstunde fördert deren Nutzung. Dies wird aber vielfach nicht umgesetzt mit den Folgen: Verschwendung und Belastung des Klimas!

    In Heidelberg ist dies jetzt folgendes passiert: Es hat mehrere Tage „bestialisch“ gestunken. Der Verursacher war der Landwirt Roland Pfisterer. Er brachte am vergangenen Donnerstag über 100000 Liter „Biogas-Gülle“ aus! Wahnsinn!

    Roland Pfisterer betreibt eine Biogas-Anlage in Heidelberg. Unter der Internetadresse: http://www.pfistererhof.de kann man sich das „Biogasprojekt“ ansehen.

  • Die Verwertung biologischer Abfälle und von Fäkalien ist per se nicht als negativ zu bewerten. Die Praxis der Beseitigung von Gülleaerosolen (Bioaerosolen) bei der Biogasgewinnung ist entscheidend. Sowohl die Abluft als auch der vergärte Klärschlamm sollten von Mikroorganismen gereinigt werden, sonst kommt es zu erheblichen Gesundheitsbeeinträchtigungen der Bevölkerung, sowie Schäden in der Umwelt und an Kulturpflanzen. Die meisten Fäkal- und Schmutzbakterien wirken krankmachend bzw. immundepressiv und phytopathogen.

    Der massive Einsatz von Antibiotika in der Tiermast fördert zudem eine Selektion multiresistenter Bakterien, welche zukünftig in großer Menge breitflächig um Heddesheim zu finden sein werden. Bereits vor der Erstellung der Biogasanlage in Heddesheim wurden in Viernheim/Heddesheim viszeraler Botulismus, eine besonders ernst zu nehmende Rinderseuche und zugleich Zoonose nachgewiesen (Quelle: Prof. Böhnel).

    Die mutmaßlich pathogen wirkenden Emissionen lassen sich mit zwei Verfahren gegen Null drücken.
    1. Mikroorganismenwäsche der Abluft.
    2. Desinfektion der Gärreste mittels Löschkalk gemäß der Biostoffverordnung.
    Dies führt zwar zu einem Verlust von Nitrat, vermeidet jedoch eine zukünftig sicher signifikant höhere Krankheitsrate der Bevölkerung.

    Mit Mais betriebene Biogasanlagen sind eine Katastrophe für die Umwelt. Bereits jetzt sind die meisten Nutzinsekten aus der Region verschwunden. Die Mortalität der Bienenvölker liegt bei 30 – 100%. Als Energiepflanze stehen dem Mais zudem Alternativen gegenüber, die keinen Kunstdünger und keine Pestizide zur Aufzucht benötigen.
    Ich berate gerne!
    Um eine Biogasanlage Gewinn bringend zu betreiben, bedarf es hoher Subventionen, die aufgrund der Missachtung der im Pflanzenschutzgesetzt verankerten „guten fachlichen Praxis“ beim Energiemaisanbau, eigentlich gar nicht ausgezahlt werden dürfen. Derzeit drücken die Kontrollbehörden der Länder alle Augen zu. Solange die Länder noch Geld zu verschenken haben, bitte.
    Die Zerstörung der Natur durch konventionelle Landwirtschaft hat eine Qualität erreicht, die uns zwingt entschlossen zu handeln. Die Folgekosten einer zerstörten und krankmachenden Umwelt sind weitaus höher, als das, was man derzeit an Profiten verbuchen kann.