Montag, 21. August 2017

Medien brauchen Informanten – manche aber nur für die Sensation

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Guten Tag!

Heddesheim/Rhein-Neckar, 06. Juli 2010. Kreisbrandmeister Peter Michels ist sauer – zu Recht. Entweder haben Angehörige der Feuerwehr widerrechtlich Informationen an Medien weitergegeben und/oder die Feuerwehr wurde abgehört – beides ist nicht in Ordnung. Die Antwort auf die Frage, warum das passiert, ist einfach: Es geht um die Sensationsgier bei manchen Medien.

Kommentar: Hardy Prothmann

Man darf gespannt sein, ob die Zuschauer des Rhein-Neckar-Fernsehens (RNF) darüber informiert werden, dass der Provinzsender entweder „Informanten“ bei der Feuerwehr hat oder die Feuerwehr selbst abhört.

Man darf vermuten, dass dies eher nicht passiert, denn entweder hätte der Sender durch das Abhören eine strafbare Handlung begangen oder sich systematisch informieren lassen, was eine Anleitung zu einer Straftat sein könnte.

Die Integrierte Leitstelle der Feuerwehren in Ladenburg jedenfalls hat sich gewundert, wie schnell gewisse Medien, das Rhein-Neckar-Fernsehen und große Tageszeitungen der Region, bei Einsätzen vor Ort waren.

Deshalb setzte die Integrierte Leitstelle in Ladenburg einen fingierten, also falschen Einsatzbefehl, ab und wenige Minuten später meldete sich das RNF telefonisch und wollte weitere Informationen haben, kurz darauf meldete sich eine Zeitung.

Damit war klar: Entweder waren die betreffenden Medien aus den Reihen der Feuerwehr informiert worden oder hören ab.

Medien und Journalisten sind oft auf „Hinweise“ von Informanten angewiesen. Durch das Zeugnisverweigerungsrecht haben sie die Möglichkeit, diese „Informationsquellen“ zu schützen.

Das macht dann Sinn, wenn solche „Hinweise“ Recherchen auslösen, durch die Hintergründe ans Licht der Öffentlichkeit kommen, die sonst niemals bekannt geworden wären. Jeder Journalist, der seinen Beruf ernst nimmt, baut sich solche Netzwerke auf, die ihn mit Informationen versorgen.

Auch in unserem Fall sind wir durch einen Informanten auf das Thema aufmerksam geworden. Uns wurde der interne Brief des Kreisbrandmeisters an die Feuerwehren zugespielt.

Die Motivation, Informationen weiterzugeben, kann vielfältig sein. Manchmal sind die Motive Rache, Eifersucht, Missgunst. In den meisten Fällen, in denen mir Informationen zugespielt wurden, ist die Motivation der Informanten aber eine ehrenhafte gewesen: Sie wollten Missstände öffentlich machen – aus Sorge um die Firma, die Behörde, das Allgemeinwohl.

In der Branche nennt man Informanten „Whistleblower“. Leider werden Informanten immer noch als „Petzen“ oder als „Verräter“ verunglimpft. Je brisanter die Information, je größer die Folgen für „bestimmte“ Personen, umso größer ist der Hass und die Wut auf die vermeintlichen „Verräter“. Selbst dann, wenn der „Verrat“ dazu dient, Systeme der Korruption, Mobbing, Geldwäsche oder andere schlimme Sachen aufzudecken, bleibt in den Augen vieler Menschen eine Schuld beim „Verräter“ haften. Deswegen ist es gut und richtig, dass Journalisten ihre Informanten schützen können, damit diese keine Nachteile erfahren.

Im vorliegenden Fall geht es aber nicht um Fragen des Allgemeinwohls oder der Integrität einer Firma oder einer Behörde.

Im vorliegenden Fall geht es schlicht und einfach um Sensationsgier.

Es geht darum, die besten Bilder von lodernden Flammen zu machen. Oder Opferbilder, Blut, Chaos, Zerstörung exklusiv zu haben, um damit Auflage zu machen.

Das Kalkül ist einfach: Je sensationeller die Bilder, umso größer wird das Interesse sein.

Wenn Medien sich nur noch um die Sensation bemühen und nicht mehr um die Information, muss sich kein Journalist und keine Redaktion wundern, wenn es viele Menschen gibt, die das anekelt. Die das nicht mehr wollen. Auch wenn es genug Menschen gibt, die gerade diese Sensation interessiert.

Journalisten und Redaktionen entscheiden selbst über ihre Haltung, ihren Umgang mit den Themen. Und über ihre Methoden.

Der Kreisbrandmeister Peter Michels ist an einem offenen Umgang mit den Medien interessiert – auch im vorliegenden Fall war er noch nach Dienstschluss für uns erreichbar. Aber er ist zu recht sauer.

Weil er sich hintergangen fühlt – vielleicht denkt er gerade darüber nach, was es bedeutet, dass er an einem guten Verhältnis zu den Medien interessiert ist, manche Medien aber das gute Verhältnis zu ihm egal ist.

Es wäre bedauerlich, wenn sich bei Herrn Michels das Gefühl einschleicht, dass er Medien nicht mehr vertrauen kann. Denn das Ergebnis wäre eine „verbrannte Erde“, ein gestörtes Verhältnis. Weil einzelne sich schlecht verhalten, müssen oft alle darunter leiden. Den größten Schaden nimmt dabei die Öffentlichkeit, die nicht mehr offen informiert würde. Vor allem Boulevardmedien sind bekannt dafür, „verbrannte Erde“ zu hinterlassen.

Winnenden und Erfurt sind dafür leider „eindrückliche“ Beispiele.

Der Kritik, dass die Feuerwehren Daten unverschlüsselt überträgt, wird sich der Kreisbrandmeister stellen. Zur Ehrenrettung der Feuerwehren muss man feststellen, dass der „Datenschutz“ bei der Einführung der Systeme noch keine wahrgenommene Bedeutung hatte.

Heute ist das anders. Der Datenschutz ist ein zu recht wichtiges Thema. Von den Feuerwehren kann und muss man erwarten, dass sie das Manko der unverschlüsselten Ãœbertragung schnell beheben.

Und von manchen Medien sollte man erwarten können, dass sie innehalten und überlegen, ob das, was sie tun, tatsächlich „in Ordnung“ ist.

Leider kann man davon ausgehen, dass sich die „üblichen Verdächtigen“ darüber keine Gedanken machen werden. Ihr Geschäft ist die Sensation. Was anderes kennen sie nicht und wollen es auch nicht kennen.

Das beste Korrektiv dafür sind die Menschen selbst. Sie sind mit dafür verantwortlich, welche Medien sie nutzen. Fehlt die Akzeptanz für die Sensationsgier, dann werden die Medien sich neu orientieren oder wegen Misserfolgs eingestellt.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Jason

    „Und von manchen Medien sollte man erwarten können, dass sie innehalten und überlegen, ob das, was sie tun, tatsächlich “in Ordnung” ist.“

    Sensationsgier? Warum drängt sich mir nur der Gedanke auf, dass die Redaktion des Heddesheimblogs hier über sich selbst schreibt? Kann mich mal jemand eines besseren belehren?

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag!

      Sicher reichen Sie gerne Belege dafür nach, „warum sich Ihnen der Gedanke aufdrängt“ – so geschrieben, bleibt nur der „Eindruck“, dass sie weder an „Besserem“ noch an „Belehrung“ interessiert sind, sondern einfach nur „gedrängt“ sind. Von was auch immer.

      Einen schönen Tag wünscht
      Das heddesheimblog