Mittwoch, 23. August 2017

„Fakten“ als „Auftrag“? Die Berichterstattung des MM

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Guten Tag!

Heddesheim, 06. M├Ąrz 2010. Die Berichterstattung des Mannheimer Morgen (MM) in Sachen „Pfenning“ ist weitgehend frei von Recherche und Fakten. Das ├Ąndert sich auch nicht, wenn der MM dann mal „recherchiert“. Denn die Zeitung tut nur so, als ob.

Von Hardy Prothmann

Der Mannheimer Morgen berichtete am 04. M├Ąrz unter der ├â┼ôberschrift: „Gleis: „Pr├╝fung“ oder „Zusage“ – oder beides?“ ├╝ber Fragen der Fraktion B├╝ndnis90/Die Gr├╝nen zum angeblich geplanten Gleisanschluss an das geplante Logistikzentrum „Pfenning“:
„An dieser Machbarkeit meldeten die Gr├╝nen erhebliche Zweifel an. Dagegen hatte das Logistikunternehmen im Vorfeld mehrfach, u. a. in einem „MM“-Interview im Mai 2009, versichert: „Die Zusage der Bahn gibt es.“

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Dokumentation: Die "Gef├Ąlligkeitsberichterstattung" geht weiter unter dem Deckmantel von "Recherche". Quelle: MM

Hintergrund: Die Gr├╝nen hatten beantragt, das Bebauungsplanverfahren so lange auszusetzen, bis es Klarheit ├╝ber einen realistischen, zeitnahen Gleisanschluss gibt (siehe unseren Bericht).

Weiter berichtet die MM-Redakteurin Anja G├Ârlitz ├╝ber ihre Recherchebem├╝hungen:
„Auf eine erste Anfrage des „MM“ bei der Bahn im vergangenen Jahr hatte es gehei├čen: „Keine Auskunft zu Kundenbeziehungen.“ Auf unsere erneute Nachfrage in dieser Woche, ob der Gleisanschluss an der geplanten Stelle m├Âglich ist, antwortete nun ein Sprecher: „Die technische und betriebliche Machbarkeit sind zurzeit noch in der Pr├╝fung.“ Allerdings sei man „mit der entsprechenden Firma (Pfenning, d. Red) in guten Verhandlungsgespr├Ąchen“ und selbst „an der Entwicklung des Gleisanschlusses interessiert“.“

Der MM bleibt hartn├Ąckig und will es wissen. Die Recherchethese lautet: „Pr├╝fung“ ist aber eben nicht gleich „Zusage“. Widerspricht die Bahn-Auskunft also den bisherigen Aussagen des Logistikunternehmens?“

Recherchethese: Kein Widerspruch!

Der MM ├╝berpr├╝ft seine These und fragt nach – bei „Pfenning“, wo sonst?:
„Der „MM“ hat bei „Pfenning“ um Stellungnahme gebeten. „Es gibt keinen Widerspruch“, sagte daraufhin Pfenning-Gesch├Ąftsf├╝hrer Uwe Nitzinger gestern. Offiziell habe die Bahn noch keinen „unterschriebenen Planungsauftrag“, dementsprechend antworte ein „offizieller“ Pressesprecher auf eine „offizielle“ Presseanfrage nur mit dem, „was Fakt ist“.“

„Fakt ist“ nach dem Bericht die Aussage, dass es eine Pr├╝fung gibt. Das allerdings ist nur die Einsch├Ątzung der „Fakten“ zu einer Aussage eines „offiziellen Pressesprechers“ zu einer „offiziellen Presseanfrage“. (Die Frage, ob es auch „inoffizielle Pressesprecher“ und „inoffizielle Presseanfragen“ gibt, l├Ąsst der MM unbeantwortet, Anm. d. Red.)

Zur Absicherung der Recherche bem├╝ht der MM einen Sachverst├Ąndigen – den Gesch├Ąftsf├╝hrer der Unternehmensgruppe „Pfenning“, Uwe Nitzinger:
„Aus der f├╝r den Gleisanschluss zust├Ąndigen Fachabteilung habe man aber die klare Aussage „Ja, das geht“, so Nitzinger. „Die grunds├Ątzliche Machbarkeit ist gegeben, jetzt geht es um die Detailplanung.“

„Pfenning“: Frage besch├Ąftigt uns nicht!

„Ja, es geht also“, transportiert der Bericht des MM. Doch was, wenn aus einem „es geht“ ein „es geht nicht“ wird? Der MM hakt nach:
„Auf die Frage, ob „Pfenning“ gegebenenfalls auch ohne Gleisanschluss nach Heddesheim k├Ąme, antwortete der Gesch├Ąftsf├╝hrer: „Mit dieser Frage besch├Ąftigen wir uns nicht. Wir haben nirgendwo ein Signal bekommen, dass sich an der Machbarkeit des Anschlusses etwas ge├Ąndert haben sollte.“

Na dann. Soll wohl hei├čen, „Machbarkeit=100 Prozent Realisierung“. Da sich die Firma „Pfenning“ nicht mit der Frage besch├Ąftigt, stellt der MM auch weitere Fragen ein und l├Ąsst nochmals den Experten Nitzinger ran, wenn auch ├╝berwiegend in indirekter Rede:
„Derzeit w├╝rden in Viernheim im Jahresdurchschnitt 15 bis 20 Waggons t├Ąglich ├╝ber die Schiene angenommen. „Im Sommer mehr, im Winter weniger“, so Nitzinger. Platz-Kapazit├Ąt bestehe am derzeitigen Standort, um dreimal t├Ąglich neun Waggons zu stellen. Im Sommer erreiche man zuweilen mehr als das Maximum dessen, was demnach ├╝ber das Gleis abgewickelt werden k├Ânne. Mit der geplanten Erh├Âhung der Stellm├Âglichkeit auf 18 Waggons in Heddesheim wolle man diese „Spitzen bew├Ąltigen“ und ├╝berdies die M├Âglichkeit haben, neue, „gleis-affine“ Kunden zu gewinnen.“

In der n├Ąchsten Folge der Rechercheserie erkl├Ąrt der MM dann sicherlich auch, warum die Aussage „Sommer mehr, Winter weniger“ auf die Lieferung von Waschmitteln (der Hauptkunde, der ├╝ber die Bahn „Pfenning“ beliefert, ist Henkel) zutrifft. Wahrscheinlich, weil im Sommer mehr geschwitzt wird als im Winter und deshalb mehr gewaschen und deshalb mehr Waschmittel ben├Âtigt wird, oder so.

Was der MM leider nicht recherchiert hat.

Schade nur, dass der MM bei seiner Recherche ├╝bersehen hat, dass ein anderes Medium die Frage zur „Machbarkeit“ bereits am 09. Mai 2009 beantwortet hat. Damals sagte der Gesch├Ąftsf├╝hrer der „Pfenning“-Gruppe, Uwe Nitzinger, dass die Verhandlungen mit der Bahn „in trockenen T├╝chern seien“.

Konkret hie├čen die Fragen und Antworten damals in unserem Interview am 09. Mai 2009: (Unterhalb des „Pfenning“-Lkw-Bildes im Interview)
Wie steht es mit den Verhandlungen mit der Bahn? Dauern die an oder stehen Sie vor einem Abschluss?
Nitzinger: „Die sind in trockenen T├╝chern. Die Bahn hat da ganze Arbeit geleistet. Sie k├Ânnen sich vorstellen, wie kompliziert eine L├Âsung ist, wenn Sie wissen, dass immer nur kurze Zeitfenster bleiben, um die Z├╝ge auf die Strecke zu bringen, weil auf der Linie der ICE entlang rauscht. Wir werden drei Gleise haben, eins zu den Hallen, eins f├╝r die leeren Waggons und eins f├╝r die Loks zum Rangieren.“

Wer bezahlt das und wie teuer ist der Bau?
Nitzinger: „Wir. Das kostet uns rund 2,5 Millionen Euro.“

Immerhin hatte Pfenning schon vier Monate vor dem Gemeinderatsbeschluss zur Ansiedlung Anfang 2009 diesen Gleisanschluss bei der Bahn im September 2008 „pr├╝fen“ lassen.

Wieso heute, fast eineinhalb Jahre sp├Ąter, die „Pr├╝fung“ immer noch „l├Ąuft“ und anscheinend nichts „in offiziellen trockenen T├╝chern“ ist, beantwortet der MM-Artikel nicht.

Das war auch nicht die Aufgabenstellung. Die hie├č vermutlich, als Botschaft zu verbreiten: „Zweifel? Keine! Die Zusage gibt es!“

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.