Donnerstag, 24. Mai 2018

Wahlkampf: MinisterprÀsident Winfried Kretschmann "hemdsÀrmelt" in Schriesheim

„Die Haushaltssanierung wird Sie alle schmerzen“

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Winfried Kretschmann in der Mehrzweckhalle Schriesheim.

Landesvater Winfried Kretschmann als Wahlkampf-UnterstĂŒtzer in der Mehrzweckhalle Schriesheim.

 

Schriesheim/Rhein-Neckar, 06. September 2013. (red) Bei seinen öffentlichen Auftritten als baden-wĂŒrttembergischer MinisterprĂ€sident schlĂŒpft Wilfried Kretschmann allzu gerne in die Rolle des prĂ€sidialen Landesvaters und vertritt dabei hĂ€ufig ĂŒberparteiliche Positionen. Der 65-jĂ€hrige GrĂŒnen-Politiker kann auch anders – das stellt er bei seinem Auftritt in Schriesheim unter Beweis. Es ist Wahlkampf und insbesondere der Wahlkreis Heidelberg/Weinheim eine besondere Herausforderung. Wird Dr. Franziska Brantner ihrem Konkurrenten Dr. Karl A. Lamers (CDU) Prozente wegnehmen können?

Von Ekart Kinkel

Vor 600 Besuchern prÀsentiert sich Kretschmann in der Mehrzweckhalle als hemdsÀrmeliger WahlkÀmpfer und findet auch bei unpopulÀren Wahlkampfthemen klare Worte:

Die Haushaltssanierung wird Sie alle schmerzen.

Diese Ansage ist unmissverstĂ€ndlich. Die Sanierung eines ĂŒberschuldeten Landeshaushalts, den man in einem schlimmen Zustand von der VorgĂ€ngerregierung ĂŒbernommen habe, könne schlichtweg nicht ohne gravierende Einschnitte gestemmt werden.

Im Endspurt vor der Bundestagswahl am 22. September sucht Kretschmann bei seiner Wahlkampftour durchs MusterlÀnde den Kontakt zu der Parteibasis und kÀmpft seit Wochen engagiert um jede Stimme. Die Krawatte hat der MinisterprÀsident aus Spaichingen in Schriesheim erst gar nicht angezogen, auch sonst prÀsentiert er sich locker und aufgeschlossen.

Kretschmann fĂŒhlt sich pudelwohl

Beim direkten Dialog mit den BĂŒrgern fĂŒhlt sich Kretschmann offenbar pudelwohl, er bleibt sympathisch und authentisch und lĂ€sst sich auch von der schwĂŒlen bis schwĂŒlstigen AtmosphĂ€re in der gut besuchten Halle sowie den ausufernden BegrĂŒĂŸungsworten und den schier endlosen Darbietungen einer lokalen Cover-Combo nicht aus dem Konzept bringen.

Der MinisterprĂ€sident auf TuchfĂŒhlung mit den Schriesheimern.

Der MinisterprĂ€sident auf TuchfĂŒhlung mit den Schriesheimern.

 

Schrecksekunde wegen Trauerfall

Neben Kretschmann wirken der Landtagsabgeordnete Uli Sckerl und der Schriesheimer BĂŒrgermeister Hansjörg Höfer angespannter. Eigentlich sollte das Trio die BĂŒhne fĂŒr die Bundestagskandidatin Dr. Franziska Brantner bereiten. Dann sorgte Uli Sckerl fĂŒr eine Schrecksekunde:

Leider muss ich Euch eine traurige Nachricht ĂŒberbringen…

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Hans-Ulrich Sckerl: Der Wahlkampf ist noch immer offen.

Ein Raunen geht durch den Saal. Ist ihr etwas zugestoßen? Ihr nicht, aber der Vater ist gestorben. Die 600 GĂ€ste zeigen sich betroffen. Jeder versteht, dass sie wegen des Trauerfalls den Wahlkampf unterbrechen musste.

Die Europaabgeordnete hat auf Platz neun der Landesliste beste Chancen auf den erstmaligen Einzug in den Bundestag. Doch spannend bleibt die Frage, wie viele WĂ€hler die Frau des TĂŒbingers OberbĂŒrgermeister Boris Palmer im schwarz-konservativen Wahlkreis fĂŒr ihre Partei mobilisieren kann.

Spannend ist das auch vor dem Hintergrund, dass Herr Palmer in der eigenen Partei nicht gerde gut gelitten ist, weil er sich offen fĂŒr schwarz-grĂŒne Koalitionen zeigt und als zu wenig basisdemokratisch gilt. Franziska Brantner gilt als wenig dogmatische, dafĂŒr umso fleißigere und ehrgeizige Profi-Politikerin. Viele trauen ihr höhere Weihen innerhalb der GrĂŒnen zu.

MinisterprĂ€sident Kretschmann weiß, dass es hier an der Bergstraße kein leichtes Unterfangen sein wird, gegen starke Konkurrenz wie den CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Karl A. Lamers oder Entwicklungsminister Dirk Niebel von der FDP zu punkten. Andererseits haben die GrĂŒnen gerade hier in den vergangenen Kommunal- und Landtagswahlen ĂŒber Landesdurchschnitt punkten können – Ergebnis einer harten Arbeit des Kreisverbans Bergstraße, der OrtsverbĂ€nde und einem schier unermĂŒdliche Hans-Ulrich Sckerl.

 

Das Telefon ist ihr BĂŒro. Unterwegs erledigt sie

Dr. Franziska Brantner, Wahlkreis-Kandidatin fĂŒr Heidelberg/Weinheim, konnte beim „Kretschmann-Termin“ in Schriesheim nicht teilnehmen: Sie trauert um ihren gerade verstorben Vater.

 

Auf Bundesebene verlieren die GrĂŒnen bei den aktuellen Umfragen immer mehr an Boden und drohen unter die Zehn-Prozent-HĂŒrde zu fallen, die sie erstmals bei der vergangenen Bundestagswahl 2009 reißen konnten.

Doch von Umfragewerten lĂ€sst die Galionsfigur der LandesgrĂŒnen nur wenig beeindrucken. Herr Kretschmann setzt auf den direkten Dialog, nimmt auch zu unbequemen Themen Stellung und hat an seinem Unwillen gegenĂŒber Teilen des grĂŒnen Bundeswahlprogramms keinen Zweifel gelassen.

Die solide, pragmatische Ausstrahlung zieht bei den Menschen – vor allem in Nordbaden.

„Noch nicht das letzte Wort gesprochen“

Die von den GrĂŒnen im Wahlkampf angekĂŒndigten Steuererhöhungen seien wegen der Haushaltssanierungen auf Bundes- und auf Landesebene unabdingbar, so Kretschmann.

Eigentlich kein Thema fĂŒr den Bundestagswahlkreis – aber der erbitterte Streit um die Zukunft der Manheimer Musikhochschule ist auch hier bekannt. Wie viele StudienplĂ€tze den angekĂŒndigten Sparmaßnahmen zum Opfer fallen könnten, darĂŒber sei das letzte Wort noch lange nicht gesprochen, sagte Kretschmann mit Verweis auf die „mĂŒhselige Debatte“ mit der baden-wĂŒrttembergischen Wissenschaftsministerin Theresia Bauer. Zwar wĂŒrden „mit Sicherheit“ rund 500 der aktuell 3 300 StudienplĂ€tze an den Landesmusikhochschulen in Mannheim, Karlsruhe, Freiburg, Stuttgart und Trossingen gestrichen werden, wo genau und in welchen Bereichen sei aber „noch völlig offen“.

Der MinisterprÀsident holt den Bundestagswahlkampf auf Landesebene bis in die Kommunen herunter. Keine schlechte Strategie, denn Bundestthemen sind oft weit weg.

So auch das Top-Thema Gemeinschaftsschule: Herr Kretschmann macht klar, dass es beim bildungspolitischen Kurs der Landesregierung bleibt, die Ganztagsschulen seien aus GrĂŒnden der sozialen Gerechtigkeit und zur Förderung von Kindern aus bildungsferneren Schichten unausweichlich.

In zehn Jahren werden Gymnasium und Gemeinschaftsschule die beiden tragenden SĂ€ulen im Schulwesen sein,

prognostiziert Kretschmann mit Blick auf die schwindenden SchĂŒlerzahlen und das langsame Sterben von Haupt- und Werkrealschule. Es wird spannend werden zu sehen, was mehr bei den WĂ€hler/innen zieht: Der Aufbruch durch die Reform oder der von CDU und FDP beschworene „Einbruch“ der Schulbildung.

 

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Hoher Besuch in Schriesheim: MinisterprĂ€sident Winfried Kretschmann (Mitte) im GesprĂ€ch mit MdL Hans-Ulrich Skerl (links) und BĂŒrgermeister Hansjörg Höfer.

 

Um nicht im Lagerwahlkampf zwischen CDU und SPD aufgerieben zu werden, verweist Kretschmann mit Nachdruck auf die ökologischen Wurzeln der GrĂŒnen. Beim Fernsehduell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem sozialdemokratischen Herausforderer Peer SteinbrĂŒck seien wichtige Themen wie Klimaschutz, nachhaltiges Wirtschaften oder Energiewende quasi ausgeklammert worden.

Diese Themen sind keine grĂŒne Spielwiese, ob es uns gefĂ€llt oder nicht,

fordert Kretschmann, die mĂŒssten mit Inhalten besetzt werden und Deutschland mĂŒsse endlich die anvisierte Vorreiterrolle bei der Entwicklung regenerativer Energiekonzepte einnehmen. Wenn sich in Berlin die Ministerien stritten, wie der Ausstieg aus der Atomkraft umzusetzen sei, schrecke dies potenzielle Investoren ab, mahnt Kretschmann. Nur konsequent nachhaltige GrĂŒnen-Politik könnte hier fĂŒr den erforderlichen Schub sorgen. Die Botschaft ist klar: Öko-Politik in Verbindung mit Investitionen und wirtschaftlicher Entwicklung.

BĂŒrgernaher Wahlkampf im Internetzeitalter

 

abcde

„Klimaschutz, nachhaltiges Wirtschaften oder Energiewende sind keine grĂŒne Spielwiese.“

Fast eine Stunde zieht Kretschmann die Zuhörer in seinen Bann. Kurzweilig und ohne Umschweife spannt er einen breiten Bogen zwischen bundes-, landes- und kommunalpolitischen Themen. Und selbst wenn fĂŒr eine abschließende Diskussion am Ende die Zeit fehlt, bleibt Kretschmann noch eine gute Viertelstunde vor der BĂŒhne, hört sich die persönlichen politischen Anliegen einiger BĂŒrger an und beantwortet geduldig die Fragen der Journalisten.

Der bĂŒrgernahe Wahlkampf an der Basis ist auch im Internet-Zeitalter noch wichtig,

hatte Kretschmann bereits im Vorfeld der Veranstaltung betont. Mit seiner natĂŒrlichen Art sammelte Kretschmann viele Sympathiepunkte. ErstwĂ€hler Darwin Höhnle aus Weinheim bezeichnete den Auftritt des MinisterprĂ€sidenten als „toll“. Sein Fazit:

Dieser Abend hat meine Wahlentscheidung gefestigt.

Auch zahlreiche weitere Besucher Ă€ußerten sich ĂŒberaus zufrieden mit dem Verlauf der Wahlkampfveranstaltung. Ein Heddesheimer Familienvater sagte:

Wenn der als Lehrer auch so war, hĂ€tte sein Dienstherrr seine Landtagskandidatur mit allen Mitteln verhindern mĂŒssen. Ich meine, dass er mit dieser persönlichen Art quer durch alle Gesellschaftsschichten ankommt. Ich habe ihm abgenommen, was er da sagt und dass, obwohl ich Politikern sonst eher skeptisch gegenĂŒber eingestellt bin.

BĂŒrgermeister Höfer lobte die UnterstĂŒtzung des Landes bei der Kleinkindbetreuung und der Schulbauförderung:

Diese Investitionen sind hier bitter nötig.

Der Abgeordnete Uli Sckerl ist kampfeslustig:

Die Wahl ist noch nicht entschieden. Wir haben die besseren Konzepte fĂŒr die Zukunft.

Der Wahlkampf biegt in die Zielgerade ein. Viele Themen wurden auch lokal diskutiert. Beispielsweise die Forderung nach einem Veggie-Day, der in den vergangenen Wochen  als „grĂŒner Vorschriftenwahn“ fĂŒr heftige Diskussionen sorgte.

Landesvater Kretschmann setzt ein spitzbĂŒbisches LĂ€cheln auf und verkĂŒndet im Stil eines schalkhaften Beobachters und schlĂ€gt dem „christlichen Gegner“ voll ins Kontor:

So schlimm war der Vorschlag doch nicht. Ich als alter Katholik weiß, dass kein Fleisch am Freitag nicht das Schlechteste ist.

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Kleine Notiz am Rande. Vier Tage nach dem Wahlkampftermin treten die Toten Hosen auf dem Mannheimer MaimarktgelĂ€nde auf. Einen Vorgeschmack auf dieses Konzert erhalten die Besucher der Wahlkampfveranstaltung in Schriesheim durch den Hosen-Hit „Tage wie dieser“, den die Cover-Band Fahrenheit zum Auftakt des Abends interpretiert. Sehr zum Unwillen der DĂŒsseldorfer Punkrocker, wohlgemerkt. Bereits auf zahlreichen Veranstaltungen von SPD und CDU sei dieses Lied bereits zum Einheizen abgespielt werden, kritisieren die Hosen auf ihrer Facebook-Seite, leider gebe es dagegen aber keine rechtliche Handhabe:

Wir haben nie ein Problem damit gehabt, wenn unser Lied vom Punkschuppen bis zum Oktoberfest den unterschiedlichsten Menschen Freude bereitet. Wir empfinden es aber als unanstÀndig und unkorrekt, dass unsere Musik auf politischen Wahlkampfveranstaltungen lÀuft. Hier wird sie klar missbraucht und von Leuten vereinnahmt, die uns in keiner Weise nahe stehen.

Transparenz-Hinweis: Weil der ursprĂŒnglich beauftragte Autor erkrankt ist, der Chefredakteur im Urlaub weilt und die Redaktion alle HĂ€nde voll zu tun hatte, hat sich die Veröffentlichung verzögert. Wir haben den Karlsruher Journalisten Ekart Kinkel  um die Zusammenfassung der von uns recherchierten Informationen gebeten. Herr Kinkel hat fĂŒr uns das erste Mal gearbeitet und einen sehr guten Job gemacht.
Mitarbeit: Ziad-Emanuel Farag, local4u, Hardy Prothmann

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.