Montag, 24. September 2018

Das „Demographiegespräch Heddesheim“ war ein Etikettenschwindel

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Guten Tag!

Heddesheim, 06. November 2009. „Der demographische Wandel wird überall spürbar“, steht im Text zur Einladung zum „Demographiegespräch Heddesheim“. Weiter verspricht die Einladung, dass man „qualifizierte Informationen“ erhält und „gemeinsam Ideen sammelt“. Um „Herausforderungen angehen zu mögen“.

Von Hardy Prothmann

Herr Nikolaus Teves ist ein korrekter Mann. Der Anzug sitzt.  Nicht ganz perfekt, das lindert etwas den geschniegelten Eindruck, den er als Verkäufer seines Anliegens heute vorträgt. Der 61-jährige Volkswirt ist ein Mann alter Schule – sehr korrekt und jovial und referiert über: „Die Zukunft gezielt planen. Wohnen, Arbeiten, Leben und Lernen für alle Generationen.“

So steht das tatsächlich in der Einladung: „Die Zukunft gezielt planen. Wohnen, Arbeiten, Leben und Lernen für alle Generationen.“

Darüber referiert Herr Teves und haut dabei im Schnelldurchgang in rund 80 Minuten über 200 Powerpoint-Folien durch.

Was Herr Teves zu sagen hat, sind bekannte Tatsachen: Deutschland altert, es gibt viele „Barrieren“ jeglicher Art in unserer heutigen Gesellschaft, die „zurückgebaut“ werden müssen. Das fängt beim Bürgersteig oder einer Treppenstufe an und hört bei Telekommunikation und Informationstechnologie (z.B. Computer) auf.

Der Anspruch, die Zukunft „gezielt planen zu können“ ist nicht eingelöst worden

Alles, was Herr Teves sagt, ist nicht besonders originell – das muss es auch nicht sein. Aber hinter dem eigenen Anspruch, „Die Zukunft gezielt planen“, bleibt er leider ohne Chance auch nur die Nähe des Ziels zu erreichen, zurück.

Denn was Herr Teves eigentlich will, ist Handwerk zu verkaufen. Denn schließlich ist er ein Geschäftsführer der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald. Und der demographische Wandel, über den er sich sorgt, betrifft seine Klientel – die Handwerker.

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Das Handwerk entdeckt das Alter als Erlösquelle.

Die sehen sich knallharten Realitäten gegenüber: Die Handwerker selbst werden alt, die Angestellten werden alt und die Kunden auch. Alle drei Realitäten für sich sind eine Bedrohung für das Handwerk. Zusammengenommen bedeuten sie das, worüber Herr Teves nachdenkt und wie man das verhindern kann – das Aussterben.

In der Vergangenheit hat Herr Teves bereits auf  anderen Veranstaltungen deshalb ohne Umschweife das angepriesen, was er heute in Heddesheim nur dezent und hintergründig angesprochen hat: Der demographische Wandel soll umdefiniert werden in neue Geschäftsfelder und Chancen für das Handwerk.

Produkte und Dienstleistungen – Herr Teves verkauft

So können Produkte verkauft werden wie Gehhilfenhalter, Bewegungslichtsensoren, elektrische Notaus-Systeme oder handwerkliche Dienstleistungen wie Rückbau von „Barrieren“, also Türschwellern, schlecht erreichbaren Steckdosen oder ebenerdige Bäder ohne Stolperfallen.

Herr Teves ist Volkswirt – und erkennt und definiert als solcher Märkte. Man muss ihm unterstellen, dass er solche für seine Klientel, die Handwerker öffnen will.

Wenn er allerdings dazu argumentiert, dass es „unsere Aufgabe“ ist und irgendetwas von „gesellschaftlichen Verantwortungen“ erzählt, dann betreibt er Etikettenschwindel.

Herr Teves ist ein Lobbyist des Handwerks. Und er benennt zu Recht dessen Probleme und sucht zu Recht wirtschaftliche Lösungen. Dabei sollte er aber ehrlich bleiben und nicht so tun, als dienten all seine Ãœberlegungen nur dem „Glück der Alten“ – sie dienen dem (geschäftlichen) „Glück mit den Alten“.

Wer sich mit dem Thema befasst, weiß nämlich, dass ein wirklich interessanter Teil der Alten über ein enormes Kapital verfügt – und der andere Teil wird durch die Masse interessant. Auch weiß man, dass die Industrie und deren Produktentwicklung und die Werbung die Alten in den vergangenen Jahrzehnten sträflich vernachlässigt haben.

Dieser Markt ist erst im Ansatz entdeckt und soll neu erschlossen werden: „Chancen und Risiken halten sich also derzeit noch die Waage. Erst ein knappes Viertel der konsumorientierten Firmen macht den Löwenanteil des Umsatzes mit über 50-Jährigen. Das wird sich rasch ändern: Binnen zehn Jahren wird dieser Anteil bei fast 40 Prozent der Unternehmen liegen,“ heißt es in einer Umfrage der Commerzbank, die 4000 Unternehmen befragte und im Juni 2009 die Ergebnisse veröffentlichte.

Es geht nicht um Barrierefreiheit, sondern ums Geschäft

Zurück zum Etikettenschwindel: Die Handwerkskammer Mannheim und ihr Geschäftsführer Nikolaus Teves sorgen sich um das Geschäft des Handwerks. Dafür sind sie da. Für Sie geht es nicht um „Barrierefreiheit“ aus zwischenmenschlichen Gründen, sondern um die Frage, wie das Handwerk künftig überleben kann? Diese Frage ist absolut berechtigt.

Und es geht um die Frage, ob man die Alten dazu bewegen kann, das Handwerk in der Sache zu beschäftigen. Eine Klientel, die mit 80, 85, 90, 95 Jahren zwar immer älter (und teils sehr vermögend ist), aber nicht unbedingt weiser, einsichtiger und mutiger wird, was investive Entscheidungen angeht.

Die Situation ist paradox: Einerseits gibt es immer mehr Alte, für die die größte Barriere die Armut ist, andererseits gibt es einen noch nicht erschlossenen Markt von Alten, die extrem viel Geld besitzen, aber keinen Cent davon ausgeben wollen  – weil es keine Angebote dafür gibt.

Diese Problematik hat Herr Teves elegant immer wieder in seinem Vortrag umschrieben.

Ãœber all das hat Herr Teves referiert. Dem Anspruch seines Vortrags: „Die Zukunft gezielt planen“, ist er aber auch nicht im Ansatz gerecht geworden.

Herr Teves könnte auch Teppiche verkaufen

Irgendwie klang es dann ein wenig so, als würden „Teppiche verkauft“, was Herr Teves nach eigenen Worten irgendwann einmal gemacht hat: „Ich hätte da noch einen…

So klingt auch die Botschaft: Die Handwerkskammer bietet eine Weiterbildung als Fachkraft für „Barrierefreies Bauen und Wohnen“ an. Seminarkosten: 190 Euro. Ehrenamtliche müssten nichts bezahlen.

Was diese „Fachkräfte“ leisten sollen, liegt auf der Hand: Aufträge für das Handwerk heranschaffen.

Und was all das mit der Gemeinde Heddesheim zu tun hat, die für „aktive Alte“ ein Barriere-Beispiel par Excellence ist – kam mit keinem Wort zu Sprache. Enge oder nicht vorhandene Bürgersteige – kaum einkaufsnahe Möglichkeiten, sinkender Wohnwert durch zu viel Verkehr… sind keine guten Argumente.

Na ja, nicht ganz: Bürgermeister Michael Kessler hob hervor, dass sich die Verwaltung „schon seit längerem damit auseinandersetzt“. Nachzulesen sei das im „Demographiebericht, der bereits wichtige Weichenstellungen liefert“.

Das heddesheimblog wird dazu eine Interviewanfrage an Herrn Kessler stellen – man darf gespannt sein, welche Weichen der Heddesheimer Bürgermeister Michael Kessler in dieser Richtung zu stellen bereit ist.

Hintergrund:

Nikolaus Teves, Geschäftsführer der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald über Geschäftschancen:

Vortrag Uni Göttingen
„Kommunale Demografietage Mudau (Odenwald)“
PR-Interview 2004 mit „Maler-Consult.de“ target=“_blank“
Nutzung von Marktchancen für Handwerksunternehmen im demografischen Wandel.
Demografietage
Weiterbildung Fachkraft für barrierefreies Bauen und Wohnen
„Marktchancen des Handwerks in einer älter werdenden Region“.
Plankstadt: 1. Demografietag 2009 – Was sollten Unternehmen wissen?
Denkmalschutz und Barrierefreiheit
FAZ: Der Ansturm der Alten

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.