Freitag, 16. November 2018

Was von der Liebe übrig bleibt

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Guten Tag!

Heddesheim, 05. Dezember 2009. Die Theateraufführung „In allen Ehren“ im Bürgerhaus zu Heddesheim wird nicht als eine im Gedächtnis bleiben, bei der sich „alle prächtig amüsiert“ haben, „voll des Lobes“ waren oder „begeistert applaudierten“. Das intelligente Stück hat aber Eindruck hinterlassen. Ganz sicher durch die hervorragende Schauspielerin Krista Posch. Und durch den Ernst der Frage, was am Ende von der Liebe übrig bleibt.

Von Hardy Prothmann

Zuschauer, die sich auf ein heiteren Theaterabend gefreut haben, sind mit Sicherheit enttäuscht worden. Trotzdem haben nur einige wenige Gäste die Pause als Chance zur Flucht genutzt: gezählt habe ich etwa ein Dutzend der weit über 300 Besucher.

Zu ernst, zu dicht, zu vieldeutig ist das Theaterstück „In allen Ehren“ (Originaltitel: „Honour“) der australischen Autorin Joanna Murray-Smith, um einfach einen unterhaltsamen Abend zu füllen – zu ergreifend ist das Stück, um einfach nach Hause zu gehen.

Die Besucher haben ein Theaterstück erlebt, das sie vielleicht noch ein wenig in ihrem Leben begleitet: Es geht um Wahrheit, um Würde, um Aufrichtigkeit, um Opfer, um Liebe und was richtig und was falsch ist.

„Honour“ ist definitiv ein Rollenspiel, dass vor allem Frauen anspricht. Im Mittelpunkt steht die Ehefrau, auch wenn sich deren Mann als Star fühlt. Auch, wenn die Nebenbuhlerin scheinbar die Hauptrolle übernimmt und ihr Leben aus der gewohnten Bahn wirft. Auch, wenn die Tochter noch ein dummes Küken ist.

Es geht in diesem Stück um Würde und um Stolz und um Achtung – geschrieben von einer Frau für Frauen. Drei Frauen stehen auf der Bühne und ein Mann. Bis auf eine kurze Szene geht es immer um den Dialog zwischen zwei Menschen – Frau und Mann, Frau und Gegenspielerin, Mutter und Tochter, Vater und Tochter, Mann und Geliebte.

Die Story klingt simpel: Mann-verlässt-Frau-wegen-einer-Jüngeren. Daraus lässt sich trefflich ein unterhaltendes Stück zimmern. Mit vielen Wirrungen und Irrungen und zum Schluss ein guter Ausgang oder zumindest eine Lehre.

Die Autorin hatte anderes im Sinn. Sie verdichtet Ehre, Würde, Achtung. Aber auch Enttäuschung, Verlust, Schmerz, Hoffnung. Und Ehrgeiz, Triebhaftigkeit, Sehnsucht.

Bei allem geht es um Liebe, was sie sein kann, ob sie empfunden wird oder nicht, ob sie ist oder nicht ist und was am Ende von ihr übrig bleibt, wenn das Schicksal es gut oder nicht gut mit ihr meint – aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet.

„Honour – In allen Ehren“ geht nicht gut oder schlecht aus. Das Ende bleibt offen – die Intention des Stückes aber ist spannend.

Ein Theaterstück hat immer einer örtlichen Rahmen – das ist die Bühne. Bühnenbildnerin Barbara Kaesbohrer hat ein schlichtes Bild gewählt und das ist gut so. Das Stück braucht nichts anderes, denn die Dialoge brauchen eine Leinwand zur Projektion. Nichts sonst.

Das Bild ist eckig, kantig und durch die warme, rote Farbe doch rund. Es schafft Offenheit und Enge – je nachdem, ob die zwei Türen geöffnet werden oder nicht.

Zwei Stühle werden zum zentralen Element der Aufführung. Ob man sich zusammen- oder auseinander setzt oder die Stühle so weit wie möglich entfernt stellt – sie sind Teil der Handlung, Teil des Spiels. Beim angedeuteten Liebesakt wie beim Warten auf den Anwaltstermin. Die Bühne fügt sich ganz schlicht in die Handlung.

Pia Hänggi, die man leider nicht vor Ort sehen konnte, liefert eine hintergründige, feine Regiearbeit. Sie überlässt den Schauspielern den Raum auf der Bühne, den diese voll ausnutzen. Nah am Publikum oder zurückgezogen mit dem Rücken an der Wand, als den Eheleuten Honour und George ihre jeweils ausweglose Situation klar wird – Handlung, Ort und Zeit bilden fast durchgehend eine künstlerische Einheit, die ergreift.

Gestört wird die Harmonie des Bühnenspiels durch eine mangelnde Akustik – viele Besucher bekommen „nicht alles mit“. Das ist schade. Die Schauspieler müssen in dieser Umgebung wissen, dass sie Energie in die Stimme geben müssen. Und sie müssen zum Publikum sprechen.

Ganz hervorragend macht das Krista Posch, „Honour“. Die attraktive Schauspielerin ist sehr bühnenerfahren und spielt leicht und einfühlsam. Sie lässt die Frauen mitfühlen. Ihre Haltung, ihren Unglauben über den treulosen Mann, ihre Verzweiflung, wie sie sich in die Situation einfühlt, wie sie Schmerz und Trauer empfindet, wie sie nicht wahrhaben will, was längst Wahrheit ist.

Ihr geliebter Mann, für den sie ihre Karriere geopfert hat, ist ein Egomane. Max Volkert Martens spielt den Selbstdarsteller, auf den sie sich eingelassen hat und damit zufrieden war, bis er sie verletzt, entehrt, entwürdigt: „Wollen wir alles teilen? Gut, dann teile ich mit dir die Freude deines neuen Lebens und du mit mir das Leid, das ich empfinde. Das du mir zugefügt hast“, sind harte Sätze ohne Ausweg für den Mann, der sich selbst aus der Bahn geworfen hat.

Ihr Mann will das nicht. Nicht verstehen. Er flieht. Er ist, wie die Tochter sagt, ein „Arschloch“.

Die Tochter, Anna Kretschmer, hat keine gute Rolle und kann nicht überzeugen. Sie ist als Antagonistin zu der etwas älteren Muse des Vaters aufgebaut und sagt ihren Text mehr auf, als sie ihn darstellt. Damit wird zudem ein Handlungsstrang eröffnet, der nicht mehr richtig geschlossen wird, also unnötig ist. Vielleicht ist sie aber auch nur eine Metapher für den Frust über eine Enttäuschung. Also, ein Arschloch zum Vater zu haben.

Ist er das? Ein „bisschen“ zumindest. Er ist aber auch sicher schwach, was nichts entschuldigen soll. Er kann den Ãœbergang vom bewunderten Intellektuellen (=Erfolg) aufs „Altenteil“ nicht verkraften und stürzt sich in eine Affäre mit einer 30 Jahre jüngeren Journalistin, die mit ihren 28 Jahren promoviert und auf Karriere aus ist: „Ich habe mich auf das System eingestellt und mich danach ausgerichtet.“

Die junge Frau, Genoveva Mayer, scheint knallhart, clever, berechnend und ist darüber hinaus mit erotischer Magie und mit aller Zukunft dieser Welt ausgestattet – doch ihre Ãœberheblichkeit findet schnell Grenzen. Kaum hat sie sich den erfolgreichen Intellektuellen als vermeintlichen Förderer ihrer Karriere geangelt, erkennt sie nicht ihren Fehler, sondern nur die Ausweglosigkeit dieser Strategie. Was soll sie als Egomanin mit einem Egomanen anfangen? Sie ist Frau und hat trotz allem nach außen dargestellten Selbstbewusstsein so etwas wie Skrupel.

Sie ist clever, sie will nach oben. Doch da ist schon längst Honour. Die als junge Frau und Schriftstellerin bereits Erfolg hatte, die nur noch für sich schreibt, seit Jahrzehnten keinen Text mehr veröffentlicht hat. Die jüngere Frau provoziert, klagt an, fordert heraus. Honour ist betroffen und lässt nach dem Verlust ihres Mannes an diese junge Frau, die sie im Lauf der Handlung als „Baby“ umdeutet, ihren Gefühlen freien Lauf.

Am Ende bringt sie ein neues Kind auf die Welt. Ein Buch. Gefeiert von der Kritik. „Schwer zu lesen, aber gut“, wie ihr „Ex“-Mann sagt, dem man anmerkt, dass er gerne wieder…

Dann ist das Stück zu Ende.

Und damit auch die Energie des Publikums.

Die Schauspieler wissen, dass sie keinen einfachen Stoff geliefert haben. Man merkt ihnen an, dass sie auch ein bisschen froh sind, dass es vorbei ist. Auch dem Publikum merkt man das an. Schnell, aber nicht zu schnell, geht es zur Garderobe und dann nach Hause.

„In allen Ehren“ oder was von der Liebe übrig bleibt hat Wirkung gezeigt. „Ich fand das anstrengend, aber es hat mich schon sehr berührt, sagt eine „Feudenheimerin“. Ihr Mann fand das Stück „zu wenig unterhaltend“.

Damit geht „In allen Ehren“ im richtigen Leben irgendwie weiter.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.