Dienstag, 27. Juni 2017

Kurt Klemm protestiert

Schlatterhaus wird abgerissen

Ist angeblich seit hundert Jahren nicht mehr zu retten und wird jetzt abgerissen: Das Schlatterhaus.

Heddesheim, 05. M√§rz 2012. Das alte Pfarrhaus, besser gekannt als Schlatterhaus, wird abgerissen. Nicht ohne deutliche Protestnote des Gemeinderats Kurt Klemm, der dem B√ľrgermeister vorgeworfen hat, er habe das Haus verloddern lassen.

Von Hardy Prothmann

Es ist eines der √§ltesten Geb√§ude Heddesheims und eines der geschichtstr√§chtigsten, das Schlatter-Haus in der Oberdorfstra√üe 3. Ab 1832 wirkte der geb√ľrtige Weinheimer Georg Friedrich Schlatter in Heddesheim, wo er auch Schulvisitator und Verwalter des Dekanats war.

Er gilt als einer der Vorreiter der Badischen Revolution, beseelt durch Liberalismus und war ein bedeutender Kritiker der Zust√§nde in Staat und Kirche. Seine kritische Haltung brachte ihm als „Landesverr√§ter“ zehn Jahre Zuchthaus ein, au√üerdem wurde er aus dem Kirchendienst entlassen.

Zuchthaus f√ľr den Revolution√§r

Der Vater, seine Frau und seine 17 Kinder b√ľ√üten die kritische Haltung mit gro√üer Not.

Schlatter setzte sich neben der Kritik an Staat und Kirche f√ľr die Gleichberechtigung der Juden ein und war ein entschiedener Gegner der Todesstrafe. Au√üerdem kritisierte er aus eigener Erfahrung die Haftbedingungen in den damaligen Gef√§ngnissen. Ein moderner, kritischer Geist, den man sich heute in der evangelischen Kirche in Heddesheim auch w√ľnschen w√ľrde.

Angeblich ist das Geb√§ude nach Aussagen von B√ľrgermeister Michael Kessler bereits seit einhundert Jahren nicht zu retten. Stellt sich die Frage, warum es dann nicht l√§ngst abgerissen worden ist. Seit 2003 geh√∂rt es der Gemeinde. Auf die Frage von Gemeinderat Kurt Klemm, was die Gemeinde zum Erhalt des Geb√§udes getan habe, entgegnete Kessler nur, dass man nichts habe tun k√∂nnen.

Verloddern vs. verludern

Klemm unterstellte, dass es dazu auch keinen Willen gegeben habe, sondern bewusst keine fehlenden Ziegel ersetzt worden seien und offene Fenster dem Gebäude noch mehr zugesetzt hätten:

„Man hat das Geb√§ude verloddern lassen.“

BM Kessler entgegnete, wie √ľblich sehr ungehalten:

„Das ist eine Unterstellung, wenn Sie sagen, wir h√§tten das Geb√§ude verludern lassen.“

Verloddern oder verludern – fest steht, dass es keinerlei Ambitionen gegeben hat, das alte Haus, an dem eine der wichtigsten Pers√∂nlichkeiten der Heddesheimer Geschichte gewirkt hat, doch erhalten zu k√∂nnen. Noch nicht einmal die Fassade als „gutem Anschein“.

Mit drei Enthaltungen und einer Gegenstimme der Gr√ľnen stimmte der Rest des Gemeinderats f√ľr den Abriss.

Symbolischer Abriss?

Man kann das auch symbolisch sehen – das Kulturdenkmal eines kritischen Geistes wird durch die Bef√ľrworter des Abrisses f√ľr immer getilgt. Das wird viele nicht verwundern.

Wird ebenfalls abgerissen - Weidigstraße 1.

Immerhin bleibt es als fotografische und zeichnische Dokumentation der Nachwelt erhalten – das erledigt allerdings das Denkmalamt.

Den Abriss erledigt das Heddesheimer Unternehmen Grimmig GmbH f√ľr gut 21.000 Euro. Zum selben Tagesordnungspunkt wurde auch der Abriss des Geb√§udes Weidigstra√üe 1 f√ľr knapp 14.000 Euro beschlossen.

Die Gemeinde plant einen Fl√§chentausch, danach geht das Grundst√ľck des Schlatterhauses zur√ľck an die Evangelische Kirchengemeinde, die dort ein neues Gemeindehaus errichten m√∂chte. Man darf gespannt sein, welche Anstrengungen unternommen werden, f√ľr das Andenken an den Revolution√§r Schlatter unternommen werden. Denn Revolution√§re und freie Geister haben es in Heddesheim bekanntlich nicht ganz einfach.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.

  • Balikopi

    Schade, dass ein St√ľck Geschichte so vergeht.

  • D. Weber

    Tja gute Heddesheimer Geschichte wird vernachl√§ssigt und schlie√ülich entsorgt, w√§hrend Pfenning hemmungslos einen Betongiganten hinstellen darf…

  • suhedd

    Zun√§chst muss ich vorausschicken, dass ich alte Geb√§ude grunds√§tzlich f√ľr erhaltungsw√ľrdig erachte. Sie bewahren unsere Kultur und bereichern ganz sicher unser doch eher tristes, von architektonischen 70er-Jahre-Verirrungen gepr√§gtes Ortsbild.
    Und obwohl ich ja oftmals den √Ąu√üerungen von manchen Gemeinderatsmitgliedern und von unserem B√ľrgermeister sehr kritisch gegen√ľberstehe, mu√ü ich heute „Pro“-Gemeindeverwaltung sprechen:
    Das Schlatterhaus ist erst seit 2003 im Besitz der Gemeinde. Vorher war es im Privatbesitz. Bereits in den 80er Jahren hatte ich Kontakt zu der damaligen Mieterin, die wegen von Gesundsheitsproblemen / Lungenerkrankungen ihres kleinen Sohnes aus diesem Haus ausgezogen ist. Hauptausl√∂ser war ein starker Schimmelpilzbefall im alten Mauerwerk. Da in den Jahren bis 2003 mit ziemlicher Sicherheit kaum Anstrengungen unternommen wurden, diese Sch√§den zu beseitigen, m√∂chte ich gar nicht daran denken, wie der Zustand jetzt, ganze 30 Jahre sp√§ter, sein mag. Zusammen mit allen anderen Sch√§den an diesem Haus (siehe Artikel oben), frage ich mich: „Wer m√∂chte ein solches Geb√§ude noch nutzen? Und wer k√∂nnte eine eventuelle Sanierung finanzieren?“ Sicherlich kann man das Andenken an Pfarrer Schlatter auch anders bewahren.