Mittwoch, 23. August 2017

Kunst, Beuys, Business

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Heddesheim, 05. November 2010. Der Heddesheimer K√ľnstler Dr. Kurt Fleckenstein hat zur Zeit eine Ausstellung in Regensburg, die die die „zunehmende Automatisierung, das allerorten reduzierte Service-Angebot“ thematisiert. Aus Regensburg berichtet Stefan Aigner.

Von Stefan Aigner

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Kurt Fleckenstein bei der Eröffnung in Regensburg.

Kunstwerke sind es nicht – die Plakate, die da an den W√§nden im neuen Ausstellungsraum des Neuen Kunstvereins h√§ngen – in einer ehemaligen Sparkassen-Filiale im Einkaufszentrum in Regensburg-K√∂nigswiesen Nord. Wie bei einem Ableger des Finanzunternehmens sieht es dort nach wie vor aus, obwohl weder das Original-Logo noch das Wort „Sparkasse“ auftauchen.

„Beratung inklusive“ hei√üt die Installation des Heddesheimers Kurt Fleckenstein, der damit die „zunehmende Automatisierung, das allerorten reduzierte Service-Angebot“ thematisieren will. Passend – direkt neben der Sparkassen-Filiale, wo nur noch Automaten stehen, und einer vollautomatisierten Packstation der Post.

„Auf den Spuren von Joseph Beuys“ wandle Fleckenstein damit, meint Kunstvereins-Vorsitzender Reiner R. Schmidt in seiner Laudatio. Als studierter Landschaftsarchitekt zeige Fleckenstein ein Gesp√ľr f√ľr „das Verh√§ltnis von Raum und Mensch“ und habe hier eine „soziale Plastik im Beuys‚Äôschen Sinne“ entworfen.

Wie sieht sie nun aus, diese „soziale Plastik“: Das Sparkassen-Logo wurde leicht verfremdet, die Mitte des Raums durchzieht ein roter Empfangsteppich, der zu einem ausladenden Beratungstisch f√ľhrt, an dem Mitglieder des Kunstvereins im adretten Business-Outfit die Vernissagen-Besucher √ľber Anlagem√∂glichkeiten in Kunst informieren. An den frisch gestrichenen W√§nden h√§ngen Fotos im Sparkassen-Design.

Die Spr√ľche zu den gekauften Fotos hat Fleckenstein selbst getextet – erst auf den zweiten, manchmal erst dritten Blick und manchmal √ľberhaupt nicht f√§llt auf, dass Text und Bild nicht wirklich f√ľr eine gute Finanzberatung werben. Das Urteil dazu reicht von „reflektiert, mit sehr viel Kritik und sehr viel Ironie“, wie Reiner Schmidt meint, bis hin zu einem „die Idee ist ganz originell“ oder „recht witzig“ von einigen G√§sten. In Kombination mit prominenten Besuchern entfaltet das eine oder andere Plakat aber doch noch etwas Hintersinn, etwa als die SPD-Landtagsabgeordnete Margit Wild geraume Zeit nachdenklich bei dem Spruch „Was auch passiert, wir passen uns an“ verweilt und schlie√ülich halblaut murmelt: „Das k√∂nnte ein Wahlplakat meiner Partei sein.“

„Leichte Dissonanzen“ mit der Sparkasse habe es im Vorfeld der Ausstellung gegeben, erz√§hlt Fleckenstein, an anderer Stelle spricht er gar davon, dass er mit einer Unterlassungsklage rechne und sich darauf freue, das Thema vor Gericht zu er√∂rtern – nichts von alledem ist eingetreten.

Im Gegenteil: Die Sparkasse, von der das Projekt, wie allseits betont, nicht gesponsert wurde, hat die Installation sogar als Werbetr√§ger f√ľr sich entdeckt und Vorstand Dr. Rudolf Gingele als „√ÉŇďberraschungsgru√üredner“ vorbei geschickt, um Lob zu spenden.

Im ersten Moment sei man doch „etwas verwundert“ gewesen, bekennt Gingele. Stein des Ansto√ües war, wie zu erfahren ist, das Foto eines √§lteren Flintenweibs, Untertitel „Die behandeln mich mit Respekt“ – doch sp√§ter sei man dann doch „deutlich positiv ber√ľhrt“ gewesen und habe „mit leichtem Stutzen“ festgestellt: „Das ist wirklich Kunst.“ Gingele hebt die „sympathische und intellektuelle Art“ der Installation hervor und als er bekennt: „Ich f√ľhle mich etwas verfremdet“ gibt es Gel√§chter und h√∂flichen Applaus.

Es gibt auch keine Grund f√ľr die Sparkasse, der Installation ablehnend gegen√ľber zu stehen: Sie tut nicht weh, ist recht gef√§llig und man fragt sich doch, warum nicht das Design „Hypovereinsbank“ gew√§hlt wurde – diese hatte eine solche Verfremdungsaktion abgelehnt, wie bei der Er√∂ffnung mehrfach erw√§hnt wird, und w√§re vielleicht eher f√ľr eine Kl√§rung des Themas vor Gericht zu haben gewesen. Die Installation ist noch bis zum 20. November zu sehen.

Der Bericht ist eine √ÉŇďbernahme von „regensburg-digital.de„.
Dort finden Sie auch weitere Fotos.

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.