Freitag, 16. November 2018

Gabi´s Kolumne: Kampf dem Chaos

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Heddesheim, 05. Oktober 2009.

Ordnung ist das halbe Leben, sagt ein bekanntes Sprichwort. Aber manchmal scheint es, als wäre Ordnung das ganze Leben, meint Gabi.

Jetzt man ganz ehrlich – haben Sie eine Gruschtelecke?

Ich habe sie und zwar in Gestalt von einer beziehungsweise zwei bis drei Schubladen. Immer wieder, spätestens einmal im Monat, nehme ich mir ganz fest vor, das wird jetzt alles anders.

Die Kontoauszüge kommen in den passenden Ordner. Die unzähligen Zettel, die die Kinder aus der Schule mitbringen werden abgeheftet, alle Termine eingetragen und die zu erledigende Post kommt unter die Rubrik „To do“ in die Wiedervorlage auf meinem durchorganisierten Schreibtisch.

Und einmal im Monat sieht es auch so aus. Ich bin zufrieden und glücklich und fühle mich wie der durchorganisierteste Mensch der Welt.

Darum frage ich mich immer wieder aufs Neue: Was bringt die Ordnung immer wieder in den Zustand eines Chaos?

Betrachten wir es von außen: Es gibt Stapler und Wegpacker.

Ich gehöre eindeutig zu den Wegpackern. Stapler stapeln, wie das Wort schon sagt, jeglichen Papierkram fein säuberlich übereinander. Diese Papierpäckchen stören meinen Ordnungssinn, das heißt, ich räume alles in Schubladen, damit ich es nicht sehen muss.

Öffne ich eine dieser Laden, springt mich das Grauen an. Denn ich finde hier nicht nur unerledigten Papierkram, sondern auch leere Batterien, die ich wegbringen muss, Gebasteltes aus der Schule, was ich aufheben möchte, Notizzettel mit Telefonnummern, die ich eintragen muss, Abholscheine von Reinigung, Schuhmacher und Fotoservice. Hier landen auch die Klämmerchen meiner Tochter und Bilder, die man noch einkleben muss – kein Wunder, dass eine Schublade nicht reicht.

Es gibt Stapler und Wegräumer.

Auch bei meinen engen Freundinnen kenne ich diese Orte des Schreckens. Die eine hat eine riesige Lade in der Küche, die nächste hat einen Sekretär, den man schön zuklappen kann und wieder eine andere hat gar ein eigenes Zimmer, das allein dem Gruschteln vorbehalten ist.

Aus meiner Jugend kenne ich eine große Holzschale in der Küche, in der meine Mutter alles aufbewahrte, von dem sie eigentlich nicht wusste, wohin mit.

Und selbst meine Großmutter, die eine perfekte und ordentliche Hausfrau war, verwahrte in einer Küchenschublade allerlei Krimskrams, was nicht in einem logischen Zusammenhang stand.

Als ich einmal mit einer guten Bekannten über die Vor- und Nachteile von Stapeln gegenüber Wegräumen diskutierte, bekannte sie sich zum Stapel-Typ. Das Resultat, so meinte sie jedenfalls, sei das gleiche. Alles was in dem Stapel verschwinde, sei für lange Zeit verloren – eben bis man sich dem Stapel auf strukturierte Weise wieder annähert. Der eklatante Unterschied zur Schublade sei die Offensichtlichkeit, die Anklage der unerledigten Arbeit.

Nach der beinharten Bestandaufnahme fragt sich Frau, wie kann sie diesem Chaos Herr werden. Wahrscheinlich geht es mir da so, wie schon Generationen von Frauen zuvor. Ich lasse mich von dem täglichen Kampf nicht unterkriegen, räume einmal im Monat die Schublade leer, hefte ab, werfe weg, hebe auf – und fühle mich, wenn auch nur für kurze Zeit – ganz ordentlich.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.