Dienstag, 25. September 2018

Zeitungsstreik: Journalismus heißt, Fragen zu stellen

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Heddesheim/Mannheim/Stuttgart, 03. August 2011. Die streikenden Redakteure beim MM stehen unter Druck – einerseits durch die Forderungen der Verleger. Aber ganz immens auch, weil das Produkt Zeitung nicht mehr ankommt. 1.500 Abos hat der MM im zweiten Quartal verloren. Die Auflage ist im Sinkflug. Auch das Anzeigengeschäft leidet. Der Vertrauensverlust der Leserinnen und Leser ist enorm. Angeblich streiken die Redakteure für „Qualität“ und fordern „Solidarität“. Man muss fragen, was sie damit meinen.

Von Hardy Prothmann

Dass ich insbesondere den Mannheimer Morgen massiv kritisiere, ist bekannt. Würde ich in Stuttgart, in Mosbach, in Heidelberg, in Karlsruhe, in Bruschal, in Ludwigshafen oder Neustadt an der Bergstraße leben, würde ich mir andere Zeitungen kritisch anschauen.

Vermutlich würde ich im Sinne der Leserinnen und Leser meiner Blogs auch an anderen Orten und damit Verbreitungsgebieten von Monopol-Zeitungen viel Kritik an der Berichterstattung üben können. Denn der Lokaljournalismus befindet sich in einer tiefen Krise.

Tatsächlich kann ich aber am besten die Zeitungen beurteilen, deren Nachrichten ich durch eigene Recherchen überprüfen kann. Das sind der Mannheimer Morgen, die Weinheimer Nachrichten und die Rhein-Neckar-Zeitung. Und alle kommen oft nicht gut weg, wobei klar gesagt werden muss, dass der MM besonders problematisch ist.

Meine Kritik an der Zeitung ist massiv, aber sie ist auch begründet.

Aktuell haben streikende MM-Redakteure Kommentare gelöscht – denn Kritik oder andere als „gewogene“ Nachrichten sind nicht erwünscht. So einfach kommen die streikenden Redakteure nicht davon. Sie können nicht so tun, als ob sie kritisch wären und gleichzeitig Informationen löschen oder ignorieren.

Sie fordern Solidarität, schließen aber nicht gewünschte Meinungen aus. Das geht so nicht.

Wer für Meinungsfreiheit und Qualität der Berichterstattung vorgeblich eintritt, muss selbst auch aushalten können, sich der Kritik stellen und transparent informieren.

Ãœber verschiedene Kontakte erhalte ich abenteuerlichste Informationen, was die MM-Redakteure von meiner inhaltlichen Kritik halten. Auf einen anonymen Kommentar habe ich dem Dumpfsinn entsprechend, aber trotzdem umfangreich geantwortet.

Die in dem anonymen Kommentar äußerst dumm unterstellten „Motive“ sind hanebüchen.

Ich habe mich deshalb in einem Kommentar auf Facebook an einen Redakteur gewandt, von dem ich eine hohe Meinung habe und davon ausgehe, dass er sich Fragen und Kritik stellt.

Es ist der Versuch eines Dialogs. Sicher nicht ohne Provokation. Aber mit der Möglichkeit zu Antworten, die die Zeitung und alle MM-Redakteure den Leserinnen und Lesern lange und längst schuldig sind.

Der Redakteur wurde von mir ausgewählt, weil ich vor zwanzig Jahren gut mit ihm zusammen gearbeitet habe und ich seine damals kritische Haltung schätzte. Und er ist aktiv am Streik beteiligt. Man kann ihn auf Fotos sehen und er postet auf Facebook.

Seit siebzehn Jahren haben wir nichts mehr miteinander zu tun. Wie gesagt, es ist ein Experiment – ich weiß nicht, wie der Mann heute „tickt“, aber ich habe Hoffnung.

Denn eigentlich würde ich mir wünschen, dass der MM eine stärkere Konkurrenz bietet, eine größere Herausforderung.

Der MM und meine Blogs haben eine Schnittmenge – also Menschen, die sowohl die Zeitung lesen, als auch die von mir verantworteten Blogs. Die Leserinnen und Leser, die nur meine Blogs lesen, wissen nicht, was in der Zeitung berichtet wird und umgekehrt.

Ich habe überhaupt keine Probleme, auf gute Stories im MM zu verweisen – sie müssen aber gut sein. Dann würde ich sogar empfehlen, die Zeitung zumindest tagesaktuell zu kaufen. Dafür muss ich aber überzeugt sein, dass sich das für meine Leserinnen und Leser lohnt.

Hier sind die Fragen. Der Name ist unkenntlich gemacht, weil er nicht viel zur Sache tut. Jeder mit Facebook-Zugang wird ihn schnell recherchieren können, was vollkommen O.K. ist, da er ja unter Klarnamen öffentlich sichtbar dort schreibt.

Vielleicht ist das ein Ansatz, um einen Austausch über „qualitativen Journalismus“ in Gang zu bringen. Vielleicht auch nicht.

Viele Fragen - ob es Antworten geben wird?

Ergänzung

Heute hat Thorsten Hof reagiert. Er schreibt folgendes:

Facebook informiert per email über einen Kommentar - weil die streikenden MM-Redakteure sich abschotten, ist eine direkte Antwort nicht möglich.

Ich hätte ja gerne darauf reagiert. Da aber mittlerweile nicht nur für meinen Hardy Prothmann-Account der Zugang zur „Streikmorgen“-Seite gesperrt ist, sondern die Pinnwand für alle „Nicht-Freunde“ gesperrt wurde, kann ich leider nicht auf Facebook darauf reagieren.

Die „Vorgeschichte“, die Herr Hof anspricht, meint den Kommentar „Das Drama der journalistischen Prostitution“, den ich im Februar 2010 auf dem http://heddesheimblog.de veröffentlicht habe. Thema des Textes war die Kritik an einer dauerhaft unkritischen, gefälligen Berichterstattung durch die Redakteurin Anja Görlitz.

Gegen diesen Text ist Frau Görlitz juristisch vorgegangen. Insgesamt habe ich rund 5.000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten bezahlen müssen. Ein Versuch der „gütlichen“ Regelung wurde nicht unternommen.

Der Anwalt von Frau Görlitz wollte zudem ein Ordnungsgeld von 3.000 Euro gegen mich durchsetzen, das Gericht hat das zurückgewiesen und ein Ordnungsgeld von 300 Euro verhängt.

Der Hintergrund: Zunächst wurde ich über meine Privatadresse abgemahnt. Die weitere Post ging aber an mein Mannheimer Büro, dass ich damals für mehrere Wochen nicht besucht hatte. Daher hatte ich sämtliche Einspruchfristen verpasst und mich entschieden, aus Kostengründen die mittlerweile erlassene Einstweilige Verfügung zu akzeptieren. Der Anwalt von Frau Görlitz hat das Maximum an Gebühren angesetzt und der Versuch mit dem Ordnungsgeld zeigen eindeutig, dass es weniger um die „Ehre“ ging als darum, einen wirtschaftlichen Maximalschaden zu erzielen.

Interessant ist die Haltung von Herr Hof schon: Ein einziger Text vor eineinhalb Jahren ist ihm Grund genug, die Haltung der MM-Redakteure zu rechtfertigen. Das zeigt sehr schön den Korpsgeist dieser Bagage (danke für den Hinweis auf den Tippfehler, ist korrigiert).

Statt mit eigenen Leistungen zu glänzen, sucht man Tippfehler, baggert den Graben aus und erhöht den Schutzwall auf Facebook. Auch nicht schlecht. 😉