Donnerstag, 29. Juni 2017

Alice und ihre Welt - Kolumne von Gesina StÀrz

Mein Smartphone und ich gehen einen Kaffee trinken

Ist ein Smartphone ein guter Ersatz fĂŒr einen

Rhein-Neckar, 04. Juni 2012. Ist ein Smartphone ein guter Ersatz fĂŒr einen „echten“ Begleiter? Geht der Trend zum Secondhand-Leben? DarĂŒber macht sich Gesina so ihre Gedanken.

Gerhard Polt wurde vor kurzem 70 Jahre alt. Er wird halt Ă€lter, wie er selbst sagt, was keineswegs mit dem Wort „alt“ und seiner Bedeutung zu verwechseln ist. Denn alt ist, wer nicht mehr aktiv am Leben teilnimmt, vorm Fernseher herumhĂ€ngt und das Leben aus zweiter Hand aus den Medien erfĂ€hrt.

Nach der Definition können auch junge Menschen als alt bezeichnet werden, so sagt es der am Schliersee lebende Kabarettist. Und nach seinen Beobachtungen gibt es darĂŒber hinaus einen Trend zum Secondhand-Leben.

Heute tauschen sich die Menschen sehr hĂ€ufig ĂŒber das aus, was sie vermittelt durch Medien erlebt haben: also im Fernsehen gesehen, im Internet entdeckt oder in den Zeitungen gelesen. Ja, so ist das. Und das ist noch nicht alles.

Real oder virtuell?

Wir Menschen sind uns dank der Medien so nah und dabei gleichzeitig so fern, dass man meinen könnte, ein und derselbe Mensch wandere zwischen Parallelwelten hin und her, und nur gelegentlich befinden wir uns in der Welt, die wir real nennen, in der es GerĂŒche gibt, etwas zu essen und das natĂŒrliche BedĂŒrfnisse, das Gegessene in verarbeiteter Form wieder loszuwerden.

Ach ja, das Atmen nicht zu vergessen, und das Trinken. Einen Cappuccino zum Beispiel oder einen Latte Macchiato. Das geht nur real, nicht virtuell, aber natĂŒrlich mit virtueller Begleitung. WĂ€hrend ich dies schreibe, sitze ich in einem CafĂ© in Mannheim und mir gegenĂŒber an einem Tisch eine junge Frau, vielleicht Anfang 20, die Konturen um die Augen schwarz nachgezogen, die Haut blass, der Blick gelangweilt, vor einer Jumbotasse Milchkaffee.

Es ist ĂŒbrigens ein CafĂ© mit einem wunderbaren Blick auf den Rhein. Sitzt man in erster Reihe, dann ist man dem Wasser so nah, dass man das GefĂŒhl hat, man gleite knapp ĂŒber der WasseroberflĂ€che dahin.

Begleiter, die nicht da sind – eigentlich

ZurĂŒck zur jungen Frau. Sie sitzt zwar allein am Tisch, aber sie ist dennoch nicht allein. Neben der Jumbotasse Milchkaffee liegt ihr virtueller Begleiter, ein Smartphone. Gelegentlich gibt ihr virtueller Begleiter Töne von sich, dann liest sie von seinem Display etwas ab, lĂ€chelt, tippt auf ihm herum und nimmt einen Schluck Kaffee.

Manchmal spricht sie in ihren virtuellen Begleiter hinein, gibt ihre Position durch, fragt nach seiner Position, erklĂ€rt, dass sie nichts macht und auch noch nicht weiß, was sie spĂ€ter machen wird. Dann legt sie auf und surft offensichtlich via Smartphone im Internet. Vielleicht brauchte sie neue Erlebnisse, neue Informationen, neue Nachrichten aus der virtuellen Welt, um etwas zum ErzĂ€hlen zu haben.

Vielleicht waren es KaffeehausgÀste wie diese junge Frau und ihre virtuellen Begleiter, die Gerhard Polt beobachtete und die ihn zu seiner Secondhand-Erlebnisweltthese brachten.

GehirnkapazitÀt outsourcen

Aber nicht nur Kabarettisten machen sich Gedanken ĂŒber die Auswirkungen der medialen Welt auf unser Leben, auch Philosophen. David Chalmers, einer der bedeutendsten Philosophen unserer Zeit, kauft sich nicht einfach nur ein iPhone, er denkt auch ĂŒber ein solches nach.

Ebenso Andy Clark, auch Philosoph. Ihre Thesen lauten: Wir erweitern unseren Geist, das Mentale ist ĂŒberall in der Welt. In Google zum Beispiel und in anderen Suchmaschinen zu denen wir via Hardware Zugang haben. Unsere Gehirne outsourcen sozusagen GedĂ€chtnisfunktionen und haben dann freie KapazitĂ€ten fĂŒr andere Leistungen.

Offensichtlich ist uns das noch gar nicht bewusst. Wir stecken in den Kinderschuhen großer Entwicklungen. Wir haben die Möglichkeit, kognitive Leistungen zu outsourcen. Damit erschließen sich freie GeisteskapazitĂ€ten. Ist das nicht so, als wĂŒrden sich uns völlig neue Ressourcen erschließen, wie einst zu Beginn der Industrialisierung die Rohstoffvorkommen unserer Erde?

Jetzt haben wir Unmengen von freien DenkkapazitĂ€ten zur VerfĂŒgung. Nur, wozu nutzen wir diese? Sollten nicht schon unsere Kinder in KindergĂ€rten und Schulen darauf vorbereitet werden?

Die junge Frau mir gegenĂŒber schließt Kopfhörer an ihr Smartphone an und stöpselt sie ins Ohr. Sie hört vermutlich Musik. Ich studiere ihren Gesichtsausdruck in der Hoffnung, herauszufinden, was sie hört. Sie ist blass und schaut ein wenig gelangweilt – alles unverĂ€ndert. Vielleicht sollte ich sie anrufen oder ihr eine SMS schicken?

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.