Donnerstag, 27. Juli 2017

Mariettas Kolumne: Einmal Haustier, bitte!

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Guten Tag!

4. April 2011. Verl√§uft das Leben gleichm√§√üig und ohne gro√üe √ÉŇďberraschungen, wiegt man sich in Sicherheit. So kann es bleiben, so ist es gut. Gelegentlich jedoch wird der Mensch leichtsinnig und setzt die geliebte Ordnung aufs Spiel. Beispielsweise dann, wenn Kinder vorhanden sind und man pl√∂tzlich auf den Hund kommt.

Von Marietta Herzberger

Die grunds√§tzliche Aussage, welche nach zw√∂lf Jahren tierloser Ehe zu treffen ist, und bis heute unverr√ľckbare G√ľltigkeit hat und von mir niemals in Frage gestellt wurde, ist folgende: Ich bin eine gl√ľckliche Ehefrau. Mein Mann ist nicht einfach nur mein Mann, sondern auch Partner, guter Freund und gelegentlich auch Leidensgenosse. Aber das ist eine andere Geschichte. Wir sind ein eingespieltes Team und stolze Eltern eines liebreizenden, gelegentlich aufm√ľpfigen Kindes mit Namen Ella.

Wir bewohnen ein Haus im behaglichen Weinheim. Ruhige Lage und erstrebenswerte Spuckn√§he zur Autobahn inklusive. M√∂chte ich mit der Stra√üenbahn fahren, ben√∂tigt es lediglich ein paar leichtf√ľ√üige Schritte rechts aus unserer Haust√ľre heraus und -√ā¬† rein ins Gef√§hrt.

Zur Bushaltestelle wende ich mich leicht nach links. Das ist praktisch. Nur nachts nicht. Da n√§mlich st√∂rt das Bimmeln der OEG-Ampel-Warnanlage, das uns alle halbe Stunde mitteilt, dass die Zeit bis zum Weckerklingeln nahe r√ľckt. Wir haben uns daran gew√∂hnt und schlafen mit Ohrst√∂pseln. Das blecherne Surren der Schranke, das ert√∂nt, wenn sich diese herabl√§sst und nach einigen Minuten- untermalt vom Bimmeln – wieder √∂ffnet, versuchen wir noch irgendwie in unsere Tr√§ume einzubauen.

Träume vom Transsibirien-Express

In einer dieser schlaflosen N√§chte hatte mein Mann die rettende Idee: „Schatz, lass uns vom Transsibieren-Express tr√§umen. Da l√§sst sich das Bimmeln so sch√∂n einbetten.“ Ich fand „einbetten“ gut und passend. Seitdem steigen wir ab Einbruch der Dunkelheit beseligt ins Bett und treten unsere gemeinsame Reise an, bis es wieder hell wird.

Unsere Nachbarn sind gr√∂√ütenteils netter, aufger√§umter Durchschnitt und jeder pflegt seinen kleinen Reihenhausgarten mit Hingabe ohne bieder zu sein. Nein, nicht ganz. Am Ende der Stra√üe wohnt ein √§lteres Ehepaar. Dieses ist stolzer Besitzer eines √ľbersichtlichen, mit Inbrunst gepflegten Vorgartens, der sicherlich drei Bierk√§sten fasst und geometrisch einwandfrei mit kleinen, akkurat rund geschnittenen Buchsbaumk√ľgelchen best√ľckt ist.

Damit dieses Kunstwerk niemand zerst√∂rt, wurde ein Stahlzaun in unauff√§lligem Braun, welches vorz√ľglich mit dem Altrosa des Hauses harmoniert, darum gezogen. Aber auch diese Nachbarn sind angenehm h√∂flich und bis auf den Gartenzaun noch nicht straff√§llig geworden.

Kommt Zeit, kommt Wandel

Auf den Hund gekommen?

Wir sind also, wie schon gesagt, eine gl√ľckliche, kleine Familie. Ganz die Norm, nichts Au√üergew√∂hnliches. Nett, normal, beruhigend.

„Ihr seid so herrlich normal“, beneidete mich j√ľngst eine Freundin. Ich gebe ihr Recht. Allerdings hat sie nett und beruhigend vergessen. Bei Gelegenheit werde ich sie darauf ansprechen.

Doch zu einer Zeit des Wandels bestimmte meine kleine sanfte Tochter unerwartet energisch: „Mama, ich will ein Haustier!“

So ist das eben. Wenn die Zeiten pädagogisch wertvollen Spielzeugs vorbei sind, sucht man nach anderen Dingen.

Diverse Forschungen belegen, dass Kinder mit Haustieren, vor allem mit Hunden, √ľber eine gr√∂√üere soziale Kompetenz verf√ľgen und schneller bereit sind, Verantwortung zu √ľbernehmen, als Kinder ohne direkten Tierbezug.

Sie sind meist bewegungsfreudiger, zugleich ruhiger und ausgeglichener. Sie sind also zu Unzeiten ged√§mpft aktiv und das kann bisweilen erstrebenswert sein. Au√üerdem ist erwiesen: Einzelkinder k√∂nnen vereinzelt Defizite im Sozialverhalten aufweisen. Auch reiben sie sich nicht an Geschwistern, sondern an den Eltern, vorzugsweise an der Mutter. Im Prinzip war ich bereits √ľberredet.

„Und was schwebt dir da vor?“ wollte ich von meinem blau√§ugigen Kind wissen.
„Ein Pferd!“
„Ein Pferd ist kein Haustier!“ widersprach eine m√§nnliche Stimme hinter dem Computer.
„Ist es doch! Es kann im Garten leben!“

„Wie w√§re es mit einer Katze?“ warf ich ablenkend in die Runde. „Schatz!“, vorwurfsvoll wandte sich der Vater unserer√ā¬† Tochter mir zu, „du wei√üt, dass ich allergisch gegen Katzen, Hasen und Meerschweinchen bin√Ę‚ā¨¬¶!“

„Mir egal!“ br√ľllte es jetzt von dem tierlosen Einzelkind, „Ich (!) bin aber nicht algerisch! Papa kann ja ausziehen!“
„Ich ziehe nirgendwo hin. Soweit kommt es noch√Ę‚ā¨¬¶!“

Schmollend pulte unser kleiner Sonnenschein mit dem gro√üen Zeh L√∂cher in den Teppich. W√§hrend ich verzweifelt gr√ľbelte, welcher tierische Artgenosse in Frage kommen k√∂nnte, zupfte mich etwas am √É‚Äěrmel.

„Wenn Papa tot ist, krieg ich dann einen Hasen?“

„Du Mama, wenn der Papa tot ist, krieg ich dann einen Hasen?“
„Ja klar, dann kriegst du einen Hasen, S√ľ√üe.“

Mein Herzblatt schaute mich dankbar an. Warum? Was hatte ich gerade gesagt? Was lautete noch gleich ihre Frage? Katze? Hase? Wer ist tot? „Papa?“, s√§uselte unser Liebchen zart, „wann stirbst du denn?“

„Du stirbst?“, irgendwie hatte ich den Faden verloren. Ella schaute ihren Vater durchdringend an. Ja, fast schon hypnotisch. Offenbar erwartete sie nun, dass ihr Erzeuger tot vom Stuhl fallen w√ľrde. Der beschloss jedoch spontan, jetzt noch nicht abzutreten, trat stattdessen zu uns an den Tisch und gab seinem Unmut lautstark Raum: „Seid ihr noch zu retten!?“

Ich versuchte, das Gespr√§ch weg von Tod und Teufel auf ein anderes Gleis zu lenken: „Ein Fisch w√§re toll, oder? So ein Nemo in einem Glas“, und l√§chelte gleichzeitig vers√∂hnlich meinem Mann zu: War nicht so gemeint, verzeihst du mir?

„Nemo ist doof!“
„Eine Maus“, kam der m√§nnliche Vorschlag. Er zwinkerte zur√ľck: Wei√ü ich doch, schon okay.
„Maus ist auch doof!“
„Hamster?“, warf ich tr√§ge in die Runde.
„Total bl√∂d!“

Eine Weile sa√üen wir uns schweigend gegen√ľber und suchten nach Alternativen. Doch weder Fu√üboden, Geheimschublade noch Zimmerdecke gaben etwas Brauchbares her. Schlie√ülich, sich endlos ziehende zweieinhalb Minuten sp√§ter, fand unsere Tochter als erste eine neue Idee: „Ein Hund?“ Sie verbl√ľffte mich mit ihrer Raffinesse, die sie nat√ľrlich von mir hat, und richtete diese Frage mit engelsgleichem Blick an ihren Vater: „Einen Hund, Papa. Bitte, bitte, bitte.“

F√ľnfundzwanzigtausend Mal „Bitte“

Alle „Bittes“ hier aufzuz√§hlen w√ľrde zu weit f√ľhren, also belasse ich es bei drei. Es waren aber deutlich mehr. Gef√ľhlte F√ľnfundzwanzigtausend.

Mein Mann und ich schauten uns skeptisch an. Ein Hund. Dreimal am Tag Gassi. Fusselige Haare im ganzen Haus. Ein dreck- und fellverlierendes, sabberndes Betteltier, welches unserer klinisch reinen Ella genie√üerisch das Gesicht ableckt, wenn wir gerade nicht hinsehen? Konnten wir uns vorstellen, gelassen und heiter zu bleiben, wenn unser Goldl√∂ckchen eintr√§chtig mit einem verfressenen Kl√§ffer vor dem Napf sitzen w√ľrde und die beiden sich das Trockenfutter teilen? Und √ľberhaupt, was so was kostet!

In stiller √ÉŇďbereinkunft nickten wir uns zu. Wer von uns w√ľrde den, nach sorgf√§ltigem Abw√§gen getroffenen Beschluss dem kleinen, voll banger Erwartung erstarrten Wesen √ľberbringen?

Seufzend falteten wir die H√§nde. Ellas Augen wuchsen auf die Gr√∂√üe von Billardkugeln. Sie krallte sich in die Stuhllehne, w√§hrend sie heiser fl√ľsterte:“ Ein Hund√Ę‚ā¨¬¶bitte√Ę‚ā¨¬¶ein kleiner Hund√Ę‚ā¨¬¶nicht viel√Ę‚ā¨¬¶.sooo klein!“ Sie formte mit ihren H√§nden und Fingern sowas in der Gr√∂√üe wirklich sehr, sehr kleinen Hundes.

„Also, wenn, dann ein richtiger Hund! Mit so einer Stra√üenratte kann ich nichts anfangen“, brummte mein geliebter, weiser Mann und zwinkerte unserem siebenj√§hrigen Wonneproppen zu.

Ich richtete mich zu voller Sitzgr√∂√üe auf, um dem Begeisterungsturm standhalten zu k√∂nnen, der nun eigentlich folgen musste. Gespannte Vorfreude lie√ü uns Eltern erzittern. Gleich w√ľrde sie uns um den Hals fallen, Freudentr√§nen ihre unverdorbenen Wangen ben√§ssen.

„Ich dachte schon, ihr k√∂nnt euch nie entscheiden“, unser ausgesprochen wohlgeratener Spr√∂ssling verdrehte kurz die Augen, sprachs, stand auf und stellte unger√ľhrt fest: “ Ich hab Hunger. Wann gibt‚Äôs Essen?“
„Gleich!“, hauchte ich m√ľtterlich gefasst.
„Was gibt es denn?“
„Hot Dogs!“

Marietta Herzberger.

Anmerkung der Redaktion: Marietta Herzberger lebt in Weinheim und schreibt in ihren Kolumnen √ľber den ganz normalen Wahnsinn des Alltags. Erfundene Geschichten, in denen doch das eine oder andere wahr ist. Die Personen gibt es meistens, manchmal nicht. Mal ist es, wie beschrieben, mal gnadenlos √ľberzogen. Es sind keine „journalistischen“ Texte mit dem Anspruch auf Faktentreue, sondern Lesetext mit dem Ziel, Lesefreude zu verbreiten. Sie hat jede Menge Weisheiten gerne, zwei sind: „Machen Sie sich erst einmal unbeliebt, dann werden Sie auch ernst genommen“ – Konrad Adenauer. Und: „Wer k√§mpft, kann verlieren. Wer nicht k√§mpft, hat schon verloren“ – Bertolt Brecht. Wir w√ľnschen unseren Lesern viel Lesespa√ü mit ihren Texten!

√úber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr√ľndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr√§ts und Reportagen oder macht investigative St√ľcke.

  • Biene

    Mal wieder eine Super-Geschichte. Immer wieder schön zu lesen. Ich freu mich schon auf die Nächste

  • M

    Hallo,
    ich habe beim Lesen wieder so lachen m√ľssen. Marietta Herzberger trifft genau den Punkt, auf den es bei den Geschichten ankommt.

    !!! Herrlich !!!

    Gruß
    M.

  • christine Carlone

    Und ? Marietta, wer geht denn nun Gassi mit dem Hund:-)

  • Marietta

    Na, mein Mann nat√ľrlich ūüėČ