Sonntag, 20. August 2017

Gesundheitsschäden durch Kohlekraftwerke

Keine gesundheitlichen Auswirkungen für unmittelbare Nachbarn

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Das Großkraftwerk Mannheim ist mit seinen Emissionen bundesweit für 71 vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Allein für den Block 9 rechnen Forscher mit 48 Fällen. Er geht 2015 ans Netz.

 

Mannheim/Rhein-Neckar, 04. April 2013. (red/ld) Wer nahe am Kohlekraftwerk wohnt, lebt länger. Eine Studie der Universität Stuttgart im Auftrag der Umweltorganisation Greenpeace, die gestern vorgestellt worden ist, sorgt für Aufregung. Daraus geht hervor, dass Kohlekraftwerke mit giftigen Feinstaubemissionen die Lebenszeit der Deutschen jedes Jahr um 33.000 Lebensjahre verkürzen. Das entspricht 3.100 Menschen pro Jahr, die frühzeitig sterben. Für 71 davon ist das kohlebetriebene Großkraftwerk Mannheim verantwortlich. Die gesundheitsschädlichen Auswirkungen zeigen sich aber erst in weiter Umgebung der Kraftwerke.

Von Lydia Dartsch

Wenn im Jahr 2015 der Block 9 des Großkraftwerk Mannheim in Betrieb geht, errechneten die Forscher eine Lebenszeitverkürzung von 512 Lebensjahren im Jahr. Das entspricht rechnerisch 48 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr. Die gesundheitsschädlichen Folgen der Feinstaubemissionen haben aber nicht die unmittelbaren Nachbarn des Kraftwerks zu befürchten, sondern gerade die Menschen, die weitab von Kohlekraftwerken wohnen.

Die Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu Kohlekraftwerken wohnen, sind von den Belastungen nicht betroffen,

sagt Professor Rainer Friedrich von der Universität Stuttgart, der an der Studie „Assessment of Health Impacts of Coal Fired Power Stations in Germany“ mitgearbeitet hat. Erst im Umkreis von 150 Kilometern gelangen die Stoffe wie Stick- und Schwefeloxide wieder in atembare Luftschichten. Die Stoffe werden durch den Wind umher getragen und verändern sich im Laufe dieser Reise. Stickoxide werden wieder zu Feinstaubpartikeln. Schwefeloxide verbinden sich mit Ammoniakdämpfen zu festem Ammoniumsulfat. Der Ammoniak kommt dabei aus Düngemitteln, die in der Landwirtschaft verwendet werden.

Die Feinstaubpartikel gelangen beim Einatmen in die Lunge und bleiben dort. Dort können sie teils schwere Atemwegserkrankungen wie Asthma oder Lungenkrebs verschlimmern. Studien haben ergeben, dass Feinstaub die Sterblichkeit bei Lungenkrebs erhöht. Je nach Größe der Partikel kann Feinstaub auch ins Blut gelangen und dort den Blutfluss verlangsamen und sich an Blutgefäßen ablagern. Herzinfarkte und Herz-Kreislauferkrankungen sind die Folgen.

Belastung könnte zunehmen

Um 759 Lebensjahre verkürzt das Großkraftwerk Mannheim die Lebenszeit der Menschen in ganz Europa jedes Jahr. Das sind 71 frühzeitige Todesfälle pro Jahr. Der Block 9, der 2015 in Betrieb gehen soll, wird die Lebenszeit um insgesamt 512 Lebensjahre verkürzen. Rechnerisch wäre der Block damit für 48 frühzeitige Todesfälle verantwortlich. Die Belastung wird durch den als umweltfreundlich und emissionsarm angepriesenen Block 9 aber wohl nicht sinken. Lediglich die Altanlagen der Blöcke 3 und 4 werden abgeschaltet. Die Blöcke 6, 7 und 8 bleiben am Netz.

Die Umweltorganisation Greenpeace, die die Studie in Auftrag gegeben hat, fordert deshalb einen Ausstieg aus der Kohlekraft. Dafür sollen Solaranlagen und Windparks sorgen, wie sie beispielsweise auch in Weinheim geplant sind. Es ist allerdings fraglich, ob die erneuerbaren Energien allein die Stromversorgung sichern können. Zwar exportierte Deutschland im vergangenen Jahr trotz Atomausstiegs deutlich mehr Strom ins Ausland als in den Jahren zuvor. Der Anteil der mit Kohle erzeugten Energie liegt mit rund 45 Prozent sogar höher als noch vor einigen Jahren. Erneuerbare Energien stellen nur rund 22,9 Prozent der Stromerzeugung dar.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.