Mittwoch, 26. September 2018

Hauptschul-Dilemma in Zeiten von „Pfenning“

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Guten Tag!

Heddesheim, 04. November 2009. Gerade hatte Hirschberg den Hauptsitz einer gemeinsamen Werkrealschule von Hirschberg und Heddesheim fĂŒr sich beansprucht – und damit Heddesheim kalt erwischt.
Der Vorstoß war selbstbewusst – aber jetzt kommt der RĂŒckstoß. Das Kultusministerium ist mit der „Hirschberg & Heddesheim“-Lösung nicht einverstanden. Damit wird das „Modell“ zweier Hauptschulen und einer gemeinsamen Werkrealschule politisch relevant – und steht auf der Kippe.

Kommentar: Hardy Prothmann

Wenn zwei sich streiten – freut sich der Dritte. Das ist in diesem Fall das Kultusministerium. Das hat eindeutige PrĂ€ferenzen. Durch umfangreiche Reformen sollen hunderte von Lehrerstellen eingespart werden.

Bei den Hauptschulen sowieso.

„Ganz ehrlich – was bringt das, wenn wir noch einen HauptschĂŒler ĂŒber eine „Werkrealschule“ weiterbringen“, wird so mancher „Ministeriale“ denken. Ist doch „Hartz IV“ fĂŒr viele HauptschĂŒler das realistische „Berufsziel“.

Ein Problem mit Zusatzqualifikation.

FĂŒr die feinen Damen und Herren in den Ministerien und Ämtern (ĂŒber unsere Steuern krisenresistent finanziert) sind HauptschĂŒler sowieso nur, freundlich gesagt, ein „Problem“. WerkrealschĂŒler sind somit aus deren Sicht ein „Problem mit Zusatzqualifikation“.

Die Hauptschulen haben keine Lobby – denn dort sind selten Kinder von „wichtigen und einflussreichen Persönlichkeiten“ untergebracht. Eher von anderen.

Und anstatt sich aus einer verantwortlichen und demokratischen Haltung darum zu kĂŒmmern, dass den hĂ€ufig sozial schlechter gestellten SchĂŒlern Chancen geboten werden – werden Sie Ihnen, wie es scheint, sogar mit Vorsatz genommen. Immer streng nach Gesetz und Ordnung.

Obwohl alle wissen, dass das keine Probleme löst, sondern sie nur verschÀrft.

Wissen die, die entscheiden, wie das Leben wirklich ist?

„Ministerielle“ haben das Problem, dass sie außerhalb ihrer Kantinen nur selten die Lebenswirklichkeit kennen – oder wurden sie dort schon hĂ€ufiger gesehen?

Die Gemeinden haben das Problem, dass sie das Problem mit den Hauptschulen haben und das mit den Ministeriellen. Das ergibt ein Doppelproblem.

Das ergibt ein Dilemma.

Und das löst man nicht im Alleingang.

Hirschberg hat bessere Argumente – reicht das?

Der Vorstoß Hirschbergs, den Hauptsitz fĂŒr eine gemeinsame Hauptschule mit Werkrealschule fĂŒr sich zu proklamieren, ist argumentativ nachvollziehbar. Hirschberg hat bessere Argumente dafĂŒr als Heddesheim.

Aber Hirschberg hat nicht die allein-selig-machenden Argumente – sondern nur bessere.

Beide Gemeinden wissen, dass sie mit Partnern stÀrker sind.

Die Backpfeife, die sich beide Gemeinden nun von den Ministeriellen aus Stuttgart eingefangen haben, zeigt aber, dass beide Gemeinden nicht ĂŒber ihren eigenen Tellerrand hinausgeschaut haben.

Es trifft die, die keine Lobby haben. Die HauptschĂŒler.

So, wie die politische Positionierung des Themas lĂ€uft, muss man befĂŒrchten, dass beide Gemeinden verlieren werden.

Das ist vielleicht Ă€rgerlich fĂŒr den einen oder anderen BĂŒrgermeister, von denen jeder fĂŒr sich andere Ziele hatte. Und vielleicht auch fĂŒr die GemeinderĂ€te, die fĂŒr ihre Gemeinde „das Beste wollten“.

Viel schlimmer ist aber, dass es am Ende die trifft, die keine Lobby haben.

Das sind die HauptschĂŒler.

Junge Menschen – deren Zukunft ganz von der politischen FĂŒrsorge der Verantwortlichen abhĂ€ngt. Denn sonst haben sie wenig UnterstĂŒtzung.

Diese junge Menschen haben mit Sicherheit nur ganz, ganz schlechte Chancen fĂŒr ihre Zukunft.

Und noch schlechtere, wenn es niemanden gibt, der sich erfolgreich fĂŒr sie einsetzt.

Das Thema Hauptschule ist seit Juni 2009 in Heddesheim öffentlich nicht behandelt worden.

A propos Einsatz: Im Heddesheimer Gemeinderat ist das Thema Hauptschule im neuen Gemeinderat öffentlich seit der Wahl im Juni 2009 noch nicht behandelt worden.

Damit fehlt auch jede öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema – wo es doch um Heddesheimer SchĂŒler und Eltern geht.

Und um neue AusbildungsplĂ€tze, die angeblich durch die geplante „Pfenning“-Ansiedlung nach Heddesheim kommen könnten.

Bei der Diskussion um die „Pfenning“-Ansiedlung ist oft vergessen worden, dass es auch ArbeitsplĂ€tze fĂŒr weniger qualifizierte Menschen geben muss. Auch die haben Familien und sind an einem anstĂ€ndigen Leben interessiert.

Laxe Handhabe steht gegen einen ernsten politischen Willen.

Die laxe politische Arbeit in Sachen Hauptschule durch den BĂŒrgermeister muss Zweifel daran aufkommen lassen, ob es wirklich einen hinreichend ernstzunehmenden politischen Willen auf dessen Seite gibt, eine ordentliche hauptschulische Qualifikation in Heddesheim zu halten.

Und das vor dem Hintergrund, wo doch gerade hier in Heddesheim durch den beherzten Einsatz des BĂŒrgermeisters Kessler ein fĂŒr die HauptschĂŒler, also die Arbeiter, eventuell wichtiges Unternehmen angesiedelt werden soll.

Wieso Herr Kessler „Pfenning“ forciert, gleichzeitig aber die HauptschĂŒler hĂ€ngen lĂ€sst, verstehe, wer will.

Wo doch Pfenning gerade einfach qualifizierten Menschen Arbeit bieten könnte.

Die Heddesheimer Lokalpolitik hat dazu bis heute keine öffentliche Meinung.

Was die politischen Parteien dazu denken?

Keine Ahnung. Die zeichnen sich durch eine nicht-vorhandene öffentliche Arbeit in der Sache aus.

Allesamt.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.