Mittwoch, 23. August 2017

Gabis Kolumne

Nur eine „Klamottenfrage“ oder doch viel mehr?

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Guten Tag

Heddesheim, 4. Oktober 2010. Unsere Kolumnistin Gabi fragt sich, wie Kinder sich heutzutage abgrenzen, wenn Eltern oft die gleichen Klamotten tragen und die gleiche Musik h├Âren.

„Hot ma des awwl so?“, fragte mich meine Gro├čtante – (ich wei├č weder wie man das schreibt und kann es auch nicht w├Ârtlich ├╝bersetzen, wusste aber sinngem├Ą├č, was sie meinte) – als ich ein Teenager war und mich kleidete, wie es gerade angesagt war.

Sie sagte nie, wie schrecklich meine Henna gef├Ąrbten Haare zu dem ├╝bergro├čen gr├╝nen Pullover, den ich heimlich aus der Altkleidersammlung meines Vaters rausgezogen hatte, aussah. Ganz im Gegenteil, als ich ihr meine neuen geschn├╝rten Stiefel zeigte, schlurfte sie in ihre Kammer und brachte mir schwarze Altdamen-Stiefetten herbei und meinte, die w├╝rden mir sicherlich passen.

Was junge M├Ądchen heutzutage tragen

Ihr Verhalten beruhte nicht auf gro├čer modischer Toleranz, nein eher auf Verwunderung, „was die junge M├Ądchen heutzutage tragen“.

Das war bei meinem Vater ganz anders. Die t├Ąglichen Diskussionen ├╝ber meine unordentlichen Haare am Abendbrottisch, sind mir noch gut – und in keiner guten – Erinnerung. Er flippte regelrecht aus, als er sah, dass ich mir ein zweites Ohrloch hatte stechen lassen, auch wenn ich das wochenlang unter meinen „unordentlichen Haaren“ verbergen konnte.

Die alte Lederjacke, ein Erbst├╝ck von meinem Gro├čvater, mein ganzer Stolz, verursachte bei ihm einen Wutausbruch: „Mit so was gehst du nicht in die Schule“, erkl├Ąrte er keine Diskussion zulassend.

Mein erster Freund hatte lange Haare, ein absolutes „No-Go“. „Einen Langhaarigen brauchst du nicht mit nach Hause zu bringen“, lautete seine klare Anweisung.

Wie Sie es sich sicher denken k├Ânnen, ich trug die Lederjacke weiterhin und blieb mit meinem Freund ├╝ber ein Jahr zusammen, aber ich tat jetzt alles so, dass er weder das eine noch das andere mitbekam.

Heute bin ich mir sicher, dass er um Beides wusste, aber sich so leichter vormachen konnte, dass ich mich an seine Gebote und Verbote hielt.

Sind wir eine tolerante Generation?

Meine Kinder sind jetzt im Teenageralter. Und wir geh├Âren wahrscheinlich zu der Generation, die sich selbst f├╝r die toleranteste h├Ąlt.

Tragen wir doch die gleichen Jeans und Tops wie unsere Kinder. Schon jetzt holt sich meine 12j├Ąhrige Tochter Klamotten aus meinem Kleiderschrank und auch ich habe mir hin und wieder einen Schal oder Modeschmuck von ihr ausgeliehen.

Mein Sohn trug seine Haare eine Zeit lang recht lang und ich war richtig entt├Ąuscht, als er sie abschneiden lie├č.

Dennoch gibt es bei uns nat├╝rlich Diskussionen ├╝ber Stylingfragen. So ist die Gr├Â├če der Ohrringe, die Farbe und L├Ąnge der N├Ągel unserer Tochter eine st├Ąndige Streitfrage. Kreolen, die bis zur Schulter reichen und knallroter Nagellack sind absolut tabu. Und da achtet vor allem mein Mann drauf.

Ich dagegen rege mich ├╝ber zu lange Jeans, deren Hosenbeine durch das Schleifen auf dem Boden ausfranzen besonders auf. Vor allem, wenn mein Sohn mir erkl├Ąrt: „Das muss so sein“. Aber alles in allem laufen zumindest diese Diskussionen bei uns ziemlich „gechillt“ ab.

Beliebt bei Teenie-Eltern ist auch die Frage, um das wann und ob von Tatoos oder Piercings. Als sich vor einem Jahr die Tochter einer Freundin eine Blume am Kn├Âchel t├Ątowieren lie├č, verk├╝ndete ich, „das w├╝rde ich nie erlauben“. „Hast du dir schon mal ├╝berlegt, wie sich unsere Kinder von uns abgrenzen sollen“, entgegnete meine Freundin. „Meine Mutter war noch gekleidet wie eine Mutter und nicht wie die ├Ąltere Schwester, an ihren Kleiderschrank w├Ąre ich nie gegangen. Wir dagegen tragen die gleichen Klamotten und h├Âren die gleiche Musik.“

Das gab mir zu denken und als ich k├╝rzlich mit meiner Tochter bummeln war und eine diesen Herbst angesagte „Jeggings“ in der Hand hielt, sch├╝ttelte meine Tochter nur den Kopf und meinte: „Mama, daf├╝r bist du dann doch etwas zu alt.“

Da legte ich das Kleidungsst├╝ck schnell ins Regal zur├╝ck.

gabi

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.