Samstag, 19. August 2017

Gabis Kolumne

Generation Sperrmüll

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Guten Tag!

Heddesheim, 04. Januar 2010. Der „Sperrmüll“ war lange Zeit für eine gewisse Generation ein Werkzeug, ein Informationsmedium, ein Kult. Die Zeiten des „Sperrmüll“ dürften gezählt sein – oder doch nicht? Gabi ist mit dem „Sperrmüll“ aufgewachsen, hat ihn ein Jahrzehnt vergessen, dann online inseriert und stellt fest: „Die Welt ist größer geworden.“

Wir waren noch nicht die „Generation Golf“, die kam gleich nach uns mit Sasch- und Esprit-Sweatshirt. Wir kauften unsere Klamotten in den Indienläden und fuhren noch Käfer, Ente oder R4. Und wo haben wir die gefunden? Richtig! Im „Sperrmüll“.

Mein erstes Auto war ein Käfer, grau-beige mit blauen Kotflügeln und blauen Wölkchen. Brauchte man Ersatzteile und die brauchte man immer – zudem waren damals alle Jungs im Freundeskreis „Schrauber“ – suchte man diese im „Sperrmüll“ in der Rubrik „Ersatzteile VW Käfer Baujahr 1970“.

Im „Sperrmüll“ fand ich auch meine erste, zweite, dritte und vierte Wohnung – in Studienzeiten zieht man schließlich häufiger um.

Der „Sperrmüll“ erschien immer freitags, das war der Nahbereich Heidelberg, Mannheim, Weinheim. Dienstags kam die regionale Ausgabe, und man überlegte sich genau, ob man bis Kaiserslautern, Bruchsal oder Bensheim fahren wollte, um sich ein Auto anzuschauen. Zumal es auch noch kein Medium gab, mit dem man mal kurz ein Foto verschicken konnte.

Wenn der „Sperrmüll“ erschien, kaufte man für teures Geld eine buchdicke Ansammlung von Kleinanzeigen. Hier fand man die Nachhilfe genauso wie jemand, der bereit war, die Magisterarbeit zu tippen.

Der „Sperrmüll“ war unterhaltsam. Wer las sie nicht: Die spannenden Rubriken „Sie sucht ihn“, „Er sucht sie“ oder gar „Er sucht ihn“. Traummänner und Traumfrauen tummelten sich hier – und ich fragte mich oft: „Warum müssen so ein Top-Typ überhaupt inserieren? Den nehme ich sofort.“

In welcher WG lag er nicht und er war lang unsere Plattform vor dem Internet mit seinem Ebay und seinen Partnerschafts- und sonstigen Börsen. Er wurde getauscht, mit Textmarker versehen und anhand der Telefonnummer wusste man immer, wie weit man fahren musste.

In der Tagezeitung zu inserieren war zu teuer, das machten nur unsere Eltern.

Wenn ich ehrlich bin, ich habe bestimmt schon seit 10 Jahren kein Exemplar des „Sperrmülls“ mehr in der Hand gehabt. Eine Wohnung muss ich nicht mehr suchen, für die Autos gibt es Börsen im Internet, Ersatzteile werden vom Mechaniker eingebaut und die Winterreifen kaufe ich beim Händler.

Als ich vor kurzem mal wieder etwas verkaufen wollte, habe ich in der Internetausgabe vom Sperrmüll inseriert und war schnell erfolgreich. Der Käufer kam aus Nürnberg, das Internet hat unsere Welt größer gemacht.

Und die Welt ist schneller geworden. Heute warten wir nicht mehr auf den Erscheinungstag.

Wir können jederzeit per Internet unser Leben organisieren. Hier finden wir Häuser und Autos, bestellen Bücher und Klamotten, buchen Reisen, machen uns dank Wikipedia schlau oder finden bei Bedarf unseren Lebenspartner.

Wir sparen viel Zeit und verplempern viel Zeit im Rausch der unendlichen Möglichkeiten.

Ich nutze das Internet gern und viel und möchte es auch nicht mehr missen, doch manchmal werde ich eben nostalgisch und erinnere mich an eine Zeit, als unsere Alltags-Bedürfnisse noch in eine Zeitung passten.

Eine Kollegin, die erst vor kurzem aus Norddeutschland hierher gezogen ist, war sichtlich irritiert, als ich ihr vorschlug: „Gib doch deinen alten Computer in den Sperrmüll.“

„Wieso das denn“, sagte sie: „Er ist schon noch was wert und ich hatte eigentlich nicht vor ihn wegzuwerfen“, erwiderte sie.
gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.