Dienstag, 25. April 2017

Was Sie vom MM, Pfenning und der Verwaltung erwarten können und was nicht

Das (Des-)Informations-Kartell

MM Pfenning

Der Mannheimer Morgen „informiert“ mit einer „zugesendeten“ Mitteilung auf Seite vier im Regionalteil ohne jegliche Eigenrecherche – unabhĂ€ngiger Journalismus geht anders. DrĂ€ngende und wesentliche Fragen werden nicht gestellt und schon gar nicht beantwortet. Quelle: Morgenweb.de

 

Heddesheim/Rhein-Neckar, 04. September 2013. (red) In der heutigen Ausgabe des Mannheimer Morgen können Sie eine kurze Nachricht lesen: „Pfenning verliert einen Großkunden“. Diese Nachricht ist mehr als aufschlussreich – wenn man sie hintergrĂŒndig betrachtet.

Von Hardy Prothmann

Im klassischen Journalismus gibt es bis heute vereinzelt noch so etwas wie einen „Ehrenkodex“. Danach nennt man aus Respekt vor dem Erfolg das Medium, das eine Nachricht exklusiv hat – wenn man selbst diese Nachricht verwendet.

Tageszeitung ohne journalistische Ehre

Die Tageszeitung Mannheimer Morgen (MM) hat sich schon lange von diesem Ehrenkodex verabschiedet. In der heutigen Ausgabe ist eine kurze Nachricht zu lesen, in der steht, dass das Unternehmen „Pfenning“ den Verlust eines Großkunden mitgeteilt habe.

(Wie es journalistisch korrekt geht, zeigt beispielsweise das Logistik-Portal Eurotransport.de.)

Als AutorenkĂŒrzel verwendet der MM „zg“. Das steht fĂŒr „zugeschickt“. Es handelt sich also nicht um einen redaktionellen Text, sondern die Wiedergabe einer zugeschickten Information.

Wir haben seit Mai 2009, als das Heddesheimblog online gegangen ist, schon viele exklusive Nachrichten gemeldet – der MM ist bis heute nicht in der Lage, das Heddesheimblog.de als exklusives Nachrichtenmedium zu nennen. Damit enthĂ€lt die Zeitung ihren Lesern wichtige Informtionen vor – sie berichtet nicht unabhĂ€ngig nach Nachrichtenlage, benennt nicht die erste Quelle, sondern zensiert sich selbst, nur um uns als Konkurrenzmedium nicht nennen zu mĂŒssen. Im Ergebnis ist das ein anstandsloser Journalismus, fĂŒr den die Zeitung aber jeden Monat saftige AbonnementsgebĂŒhren verlangt.

Zum Ablauf: Am 2. September haben wir berichtet, am 3. September verschickt „Pfenning“ die Kurzinformation, am 4. September vermeldet der MM die zugeschickte Meldung ohne jegliche eigene Recherche.

Viele Menschen enttĂ€uscht das zu Recht. Die Zeitung verliert auch deswegen seit Jahren an der wichtigsten WĂ€hrung: Vertrauen und in Folge dessen erheblich an Auflage. Trotzdem ist sie im Berichtsgebiet nach wie vor (noch) Monopolist. Man hatte ja auch jahrzehntelang keine Konkurrenz. Und bis heute versteht die MM-Redaktion nicht, dass fast jede Veröffentlichung anders als frĂŒher ĂŒberprĂŒfbar geworden ist – tatsĂ€chlich halten die Zeitungsjournalisten die Menschen anscheinend fĂŒr „blöd“ und nicht fĂ€hig, Nachrichten zu ĂŒberprĂŒfen.

Aufschlussreiche Meldung

Die kurze Nachricht ist auch aus einem anderen Grund aufschlussreich. In der Vergangenheit hat der MM immer mal wieder unsere exklusiven Informationen nachrecherchiert und dann so getan, als habe sie unabhĂ€ngig von uns ein Ergebnis erzielt – beispielsweise, als wir als erstes Medium den Verkauf des „Multicube“ an einen Investmentfonds gemeldet haben.

Noch nicht einmal eine Nachrecherche schafft die Zeitung aktuell. Sie verlautbart lieber eine kurze zugeschickte Meldung, statt selbst zu recherchieren. Sie könnte natĂŒrlich auch unsere Recherchen zusammenfassen – das Dilemma: Dann mĂŒsste die Zeitung uns als Quelle nennen. Vorher faulen den zustĂ€ndigen Redakteuren aber die Schreibfinger ab.

Ebenfalls aufschlussreich ist die zugesandte Nachricht selbst. Wer aufmerksam liest, stellt tatsĂ€chlich eine „redaktionelle“ Bearbeitung fest: In dieser Form ist diese Nachricht mit Sicherheit nicht zugeschickt worden, da sie als Zusammenfassung einer zugeschickten Nachricht dargestellt wird. Trotzdem steht das KĂŒrzel „zg“ darunter – vermutlich, weil der bearbeitende Redakteur versucht hat, so zu tun, als sei mal selbst tĂ€tig geworden, aber noch ein minimales RestselbstwertgefĂŒhl hatte und deshalb sein KĂŒrzel nicht darunter gesetzt hat. Es gibt auch Beispiele, wo vollkommen „schmerzfrei“ PR-Texte als eigene redaktionelle Leistungen gefĂ€lscht werden.

Es gibt eine weitere interessante Informationen zu dieser Nachricht. VollstĂ€ndig unkritisch wird so getan, als sei das keine „Top“-Nachricht, sondern so eine Art, „naja, kann man auch melden Nachricht“. Sie erscheint auf Seite 18 des Rhein-Neckar-Teils (die vierte Seite dieses „Buches“) und nicht etwa auf der ersten Seite. Der Verlust von vermutlich gut einem Drittel des Umsatzes bei „Pfenning“ wird nicht thematisiert, sondern lapidar durch die „Information“ von „Pfenning“ ĂŒberspielt, die Neuvermarktung habe bereits begonnen.

Ebenfalls interessant: Uns wurde die Unternehmensmeldung nicht „zugesandt“, obwohl wir gestern Fragen an das Unternehmen gestellt haben, auf die wir keine Antwort erhalten haben und vermutlich auch nicht erhalten werden – wir dokumentieren diese am Ende dieses Artikels.

Wirklich gespannt darf man sein, ob die zugesandte Nachricht alles an Berichterstattung fĂŒr die Abonnenten darstellt oder ob noch etwas nachkommt. Und noch gespannter darf man auf die geschönte Darstellung sein, wenn etwas nachkommen sollte.

(Des-)Informationskartell

Der „gute Nachbar“ Pfenning teilt uns seit langer Zeit nichts mehr mit. Wir werden auch nicht zur Eröffnung oder anderen Terminen eingeladen. Wir machen ja schließlich auch keine Hofberichterstattung wie der MM und das gefĂ€llt weder dem Firmen-Chef Karl-Martin Pfenning noch seinem GeschĂ€ftsfĂŒhrer Uwe Nitzinger.

BĂŒrgermeister Michael Kessler hat sich in der Vergangenheit bei Nachfragen nach Arbeits- und AusbildungsplĂ€tzen bedeckt gehalten – diese Fragen sollten wir an das Unternehmen stellen. Das haben wir jetzt wieder getan und auch Herrn Kessler nochmals um Antworten auf Fragen gebeten – und sind gespannt, ob der BĂŒrgermeister, der einst „Pfenning“ um jeden Preis wollte, sich heute drĂ€ngenden Fragen stellt.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, können sich selbst einen Reim darauf machen, wie dieses Meinungskartell zwischen MM, „Pfenning“ und BM Kessler funktioniert. Nachdem das Blaue vom Himmel herunter versprochen worden ist, wird damals wie heute alles problematische ausgeblendet. Die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger werden nicht, teil- oder desinformiert.

Journalistische Kritik heißt positive wie negative Auseinandersetzung

Uns und insbesondere mir als Chefredakteur wird in (bestellten) Kommentaren, hinter der Hand und teils auch öffentlich immer wieder vorgeworfen, „alles schlecht zu reden“. Diese haltlose Kritik halten meine Mitarbeiter und ich aus.

Wir sind als Journalisten nicht dazu da, irgendwas schön zu reden, sondern redlich darĂŒber zu berichten, was ist, warum das so ist und wer verantwortlich ist. Dass die Firma Pfenning seit 2009 von 210 Millionen Euro Umsatz (eigene Angabe) auf nunmehr 159 Millionen Euro (2011) abgesackt ist (Bilanz-Bericht), also 61 Millionen Euro Jahresumsatz, bereinigt um „außerordentliche Erlöse“ in Höhe von fast sechs Millionen Euro sogar 67 Millionen Euro und damit fast ein Drittel verloren hat, ist eine Tatsache, fĂŒr die wir nicht verantwortlich sind. Dass aus den versprochenen Gewerbesteuerzahlungen auf absehbare Zeit nichts wird, ist ebenfalls außerhalb unserer Verantwortung. Ebenso, dass die versprochenen „bis zu 1.000“ neue ArbeitsplĂ€tze nicht geschaffen worden sind.

Diese Informationen haben nichts mit „Schlecht-reden“ zu tun. Das sind die schlechten Fakten, die man berichten muss.

Ich hĂ€tte mich gerne getĂ€uscht und ohne mit der Wimper zu zucken meine Bedenken korrigiert, die ich seit ĂŒber vier Jahren Ă€ußere, wenn „Pfenning“ eine Erfolgsstory wĂ€re. Ich wĂ€re ein bornierter Idiot, wenn ich in das nicht tĂ€te.

Wie man ĂŒber andere urteilen muss, die in Verkennung der Tatsachen immer noch behaupten, dass „Pfenning“ die „Zukunft Heddesheim“ sichert, bleibt jedem selbst ĂŒberlassen.

WiderstÀnde vs. Fakten

Wir halten uns redaktionell an die Fakten. Die wir gegen immense WiderstĂ€nde gegen das (Des-)Informations-Kartell trotzdem unermĂŒdlich erarbeiten. Es ist unsere Pflicht, die Menschen in Heddesheim auch ĂŒber negative Entwicklungen zu informieren. Denn dann bleiben eventuell Chancen, um dagegen etwas zu unternehmen. Wer die Augen zumacht, Informationen ignoriert, verschweigt oder falsch oder geschönt in die Welt setzt, schadet der Gemeinschaft des Ortes.

Hier unsere bislang unbeantworteten Fragen an das Unternehmen:

  • Seit wann ist Ihnen die Entscheidung bekannt, dass Kraft Foods Ihre Dienste nicht mehr benötigt?
  • Welche Umsatzeinbußen sind damit verbunden?
  • Bedeutet der Verlust eventuell eine Insolvenz von Pfenning?
  • Gibt es mit einem anderen Kunden in dieser GrĂ¶ĂŸenordnung bereits einen Vertrag?
  • Wenn ja, mit wem ab wann?
  • Das Unternehmen hat bis zu 1.000 neue ArbeitsplĂ€tze versprochen.
  • Nach der Bilanz 2011 sind gegenĂŒber dem Vorjahr gerade mal 26 Personen zusĂ€tzlich beschĂ€ftigt worden. Bis wann sollen diese „bis zu“ 1.000 neuen ArbeitsplĂ€tze geschaffen sein?
  • Wie viele Personen beschĂ€ftigt Pfenning aktuell?
  • Weiter wurden der Gemeinde Heddesheim „erhebliche Gewerbesteuerzahlungen“ in Aussicht gestellt.
  • TatsĂ€chlich wurde 2010 nur ein kleiner Gewinn von 600t Euro erwirtschaftet, 2011 wurde mit rund 2,5 Millionen Euro Verlust abgeschlossen. Werden 2012 und 2013 mit Gewinn oder Verlust abgeschlossen?
  • Bis wann kann die Gemeinde mit den erheblichen Zahlungen voraussichtlich rechnen?

 

Anm. d. Red.: Wenn Sie unsere Arbeit unterstĂŒtzen möchten, werden Sie einfach Mitglied in unserem Freundeskreis. Es lohnt sich – denn wir informieren Sie unabhĂ€ngig.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.