Dienstag, 25. April 2017

Ob die Karl-Drais-Schule eine Gemeinschaftsschule wird, ist noch völlig offen

Bald keine weiterführende Schule mehr?

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Schulgebäude der Karl-Drais-Schule Heddesheim. Archivbild

Heddesheim/Hirschberg, 04. Juli 2013. (red) Der Heddesheimer Gemeinderat hat sich vergangene Woche einstimmig für die Entwicklung der Haupt- und Werkrealschule in eine Gemeinschaftsschule ausgesprochen. Damit ist ein erster Schritt gemacht, um in der Gemeinde eine weiterführende Schule zu halten. Am 16. Juli 2013 muss der Hirschberger Gemeinderat ebenfalls zustimmen, damit der Schulzweckverband den Auftrag erhält, einen Antrag zu stellen. Doch die Zustimmung ist unsicher und selbst wenn eine Mehrheit dafür entscheiden sollte, sind längst nicht alle Hürden genommen.

Von Hardy Prothmann

Die Karl-Drais-Haupt- und Werkrealschule Hirschberg/Heddesheim hat einen Imageschaden. Nämlich Haupt- und Werkrealschule zu sein. Waren es im vergangenen Jahr nur noch 20 Schüler, die an der Schule angemeldet worden sind, sind es aktuell 15. Nochmals 25 Prozent Verlust zum Vorjahr und deutlich unter der Mindestzahl von 40 Schülern für eine Zweizügigkeit.

Wettern ohne Sinn und Verstand

Die Schule selbst mit ihren Standorten in Hirschberger Ortsteil Leutershausen und Heddesheim strahlt eine positive Energie aus, hat Top-Bewertungen und ein außerordentlich engagiertes Lehrerkollegium, das sich ebenfalls für eine Umwandlung in eine Gemeinschaftsschule ausgesprochen hat. Aber seit dem Wegfall der Grundschulempfehlung und der Wahlfreiheit für Eltern, auf welche weiterführende Schule diese ihre Kinder schicken, ist das Ende der Haupt- und Werkrealschule besiegelt. Diese Schulform alleine hat an den beiden Standorten keine Überlebenschance.

Trotzdem wetterte der Landtagsabgeordnete Georg Wacker (CDU) und mit ihm auch die Heddesheimer CDU gegen die neue Schulform. Kenntnisfrei über die bundesweite Entwicklung der Schulen und der Schülerzahlen. Der Heddesheimer FDP-Gemeinderat Frank Hasselbring nuschelt was von „Wohlfühlkultur ohne Leistungswillen In Hirschberg bekommt ein krakelender FDP-Gemeinderat Hartmut Kowalinski in den Zeitungen ein Forum geboten und darf über „Humanexperimente“ faseln. In Heddesheim haben FDP und CDU letztlich doch zugestimmt – kommendes Jahr sind Gemeinderatswahlen und als Schulabwickler wollte man wohl nicht dastehen.

In Hirschberg steht diese Entscheidung noch aus. Und die CDU-Fraktion wird dort einen Antrag einbringen, der Bedingungen stellt. Am Hirschberger Schulstandort sollen künftig die Jahrgangsklassen 5 und 6 unterrichtet werden, in Heddesheim 7-10. Die Begründung: Dadurch sollen erhebliche Investitionen wegfallen, die man sonst in Hirschberg mit rund 1,5 Millionen Euro vornehmen müsste. Motto: Schulstandort ja, aber Kosten darf es am besten nichts. Ausbildung wird leider immer noch als Ausgabe definiert und nicht als Investition verstanden.

Gute Chancen für den Standort

Wenn die weiterführende Schulform für beide Gemeinden gehalten werden soll, muss die Umwandlung in eine Gemeinschaftsschule erfolgen. Doch wie soll das gehen, mit 15 Anmeldungen? Der beim Schulamt zuständige Schulrat Endrik Ebel sieht die Chancen positiv:

Sie müssen sehen, dass die neue Schulform mit drei Schulartenniveaus sehr viel attraktiver ist. Höhere Anmeldezahlen treten mit hoher Wahrscheinlichkeit ein.

Als Beispiel nennt er Adelsheim, hier sind die Anmeldezahlen nach der Umwandlung von 32 auf 67 gestiegen und in Bammental von 40 auf 70. Das Regierungspräsidium in Karlsruhe fordert mindestens 40 Schüler, also eine Zweizügigkeit. Aus Sicht des Schulamts ist der Standort gut. An der Bergstraße wäre das bislang die einzige Gemeinschaftsschule, die Kinder aus Weinheim, Hirschberg, Schriesheim, Dossenheim und Heddesheim besuchen würden. Die Kinderzahl ist zudem gegenüber anderen Regionen noch einigermaßen stabil. Es gebe viele Akademiker an der Bergstraße, die durchaus aufgeschlossen gegenüber der Gemeinschaftsschule seien – nicht nur, weil sie an das Konzept glauben, sondern auch die sozialen Aspekte sehen, dass Kinder nicht in einer schulischen Klassengesellschaft aufwachsen müssen. Und es entfalle der „G8-Druck“, da die Schullaufbahn über eine Gemeinschaftschule auf ein Gymnasium grundsätzlich G9 sei. Zudem sei die Verkehrsanbindung gut.

In den kommenden fünf Jahren werden sich die Schülerzahlen dennoch dramatisch reduzieren und die Schulen werden untereinander in Konkurrenz treten. Und die Eltern schauen sich um. Selbstverständlich werden eine gute Mensa und angenehme Aufenthaltsräume erwartet – Wohlfühlen steigert auch die Leistung, selbst wenn das FDP-Gemeinderäte nicht recht verstehen wollen. Renovierungsstaus, die früher ausgesessen wurden, werden sich Schulstandorte in Zukunft nicht mehr leisten können. Die Schule muss auch vom „Wohlfühlfaktor“ her attraktiv sein.

Drei Optionen

Für Hirschberg bedeutet das bei einem unumgänglichen Sanierungsbedarf von bis zu 800.000 Euro vermutlich mindestens 1,5 Millionen Euro zusätzliche Investitionen, wie der Hirschberger Bürgermeister Manuel Just sagt:

Das ist eine deutlich hohe Ausgabe und ich weiß nicht, wie sich die Gemeinderatsmehrheit dazu stellt. Die Frage ist weniger das „ob“, sondern zu welchem Preis?

Mit Heddesheim sei man im Dialog und wolle nun auch den CDU-Antrag bis zur Gemeinderatssitzung besprochen haben. Nach Bürgermeister Just gibt es drei Optionen für Hirschberg:

  1. Die Grundschule mit Haupt- und Werkrealschule bleibt, hat aber mittelfristig keine Perspektive

  2. Die Schule wird zur Gemeinschaftsschule weiterentwickelt.

  3. Man gibt die Haupt- und Werkrealschule auf und bietet nur noch eine Grundschule an.

Die Investitionen seien durch das pädagogische Konzept notwendig, weil der Raumbedarf sich verändert. In Hirschberg fehlen dafür sechs Räume, sagt Herr Just. Umgekehrt müssen in Heddesheim nur rund 600.000 Euro investiert werden, wenn die bisherige Pendelregelung bleibt. Ob hier nicht mehr Geld investiert werden muss, wenn die Klassen 7-10 hier unterrichtet werden, ist wahrscheinlich. Dann hätte Heddesheim den schwarzen Peter, mehr Geld ausgeben zu müssen.

Vorstellbar wäre auch, die Liegenschaften auf den Zwecksverband zu übertragen und dann über die Schülerschlüssel die Kosten für die jeweilige Gemeinde zu berechnen:

Rechtlich ist das so regelbar, die Frage ist, ob das politisch so gewollt werden könnte. Dazu habe ich keine Informationen.

Aus Sicht der Eltern und Kinder wäre der umgekehrte CDU-Antrag der beste: Nur die Klassen 5-6 würden in Heddesheim unterrichtet und 7-10 in Hirschberg. Denn das würde in Summe viel weniger Fahrtkilometer für Eltern und Kinder der Bergstraßengemeinden bedeuten, die deutlich in der Überzahl gegenüber Heddesheim sind.

Entscheidung noch völlig offen

Für Bürgermeister Manuel Just ist die Entscheidung noch völlig offen:

Die Verwaltung wird keinen Beschlussantrag vorlegen, sondern dieser wird aus der Debatte im Gemeinderat entwickelt. Der wichtigste Punkt für mich ist: Wir müssen alles versucht haben, um den Schulstandort weiterzuführen. Jede Option muss geprüft sein. Am Ende entscheidet das Hauptorgan mit politischer Mehrheit.

Die Freien Wähler haben sich nach Auskunft von Fraktionssprecher Peter Johe noch keine abschließende Meinung gebildet. Sicher ist, dass die GLH und die SPD für eine Entwicklung stimmen werden. Macht sechs Stimmen. Stimmen die freien Wähler auch dafür, macht das in Summe elf Stimmen, das wäre eine Mehrheit. Dann würden CDU und FDP als Schulstandortverweigerer dastehen – und das ein Jahr vor der Kommunalwahl. Auch Bürgermeister Just wird kaum gegen die Schulentwicklung stimmen:

Ich bin positiv gestimmt, dass die Schule angenommen wird. Trotzdem bleibt ein Restrisiko, wenn das nicht so wäre.

Wenn die Investitionsentscheidung gefällt wird, wird mittelfristig der Heddesheimer Standort in Frage gestellt, denn wenn die Schülerzahlen zurückgehen, wird ab 2018 vielleicht eine Schule ausreichen. Die Karl-Drais-Konstruktion mit den pendelnden Klassen wurde sowieso nur über einen Ausnahmeantrag genehmigt. Eine weitere Gemeinschaftsschule wird an der Berstraße dann vermutlich nicht mehr genehmigt werden. Denkbar wäre noch eine in Ladenburg – mit einem Angebot an die Heddesheimer Schüler.

Und selbst wenn die Entscheidung positiv für eine Gemeinschaftsschule ausfällt, ist diese noch längst nicht genehmigt. Dann hätte die Schule diesen Weg beschlossen, die politischen Gremien ebenfalls. Dann muss das Schulamt das pädogische Konzept und die Eignung prüfen und das Regierungspräsidium der Überzeugung sein, dass mindestens 40 Schüler pro Schuljahr angemeldet werden. Außerdem muss die Schule Inklusion anbieten. Es fehlen also noch wesentliche Entscheidungen.

 

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.