Donnerstag, 23. November 2017

Auf den Spuren der Unbeugsamkeit

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Das Mittelalter ist kein Epoche - es ist die menschliche Natur.

Guten Tag!

Heddesheim, 03. Juli 2011. Margret Wagener, Eva Martin-Schneider, Heide Raiser, Heidi Rei, Lioba Geier, Gudrun Libnau sowie die Acapellagruppe Aylin Can, Sophie Grossmann, Rita Rössling mit Eva Martin- Schneider befanden sich auf der Spurensuche unbeugsamer Frauen. Unter dem Titel „Starke Frauen – Verletzte Seelen“, durchstreifte die Heddesheimner Literaturgruppe mit UnterstĂŒtzung der Acapellagruppe 2000 Jahre der Unbeugsamkeit von der Griechischen Antike bis zu einer fiktionalen Zeit 2050.

Von Sabine Prothmann

„Mittelalter ist keine Epoche es ist der Name der menschlichen Natur“, heißt es ganz zum Schluss bei der Szenischen Lesung auf dem Heddesheimer Dorfplatz am Mittwoch, 22. Juni 2011.

Schon im April 2010 hatte die Heddesheimer Literaturgruppe um die Schauspielerin und Regisseurin Eva Martin-Schneider gemeinsam mit dem Heddesheimer Kunstverein unter dem Titel „Hexen, Heiler und SĂŒndenböcke“ dieses StĂŒck aufgefĂŒhrt. Doch die AuffĂŒhrung am 22. Juni bekam durch das Ambiente des Dorfplatzes an der alten Scheune einen ganz besonderen Charme verliehen.

GemĂ€lde und Skulpturen des Heddesheimer KĂŒnstlers Bernd Gerstner aus dem Zyklus „Verletzte Seelen“ gestalteten eindringlich den Platz vor der alten Tabakscheune.

100 StĂŒhle wurden aufgestellt, doch sie reichen nicht aus fĂŒr die Zuschauer, die sich mit auf diese Reise begeben wollen.

Die Darstellerinnen und der Chor sind in schwarzen GewĂ€ndern und dunkelrote Schals gekleidet. Die AtmosphĂ€re ist fast gespenstisch, es erklingt „Menag Jamport Em“ von Djivan Gasparyan. Die Frauen bilden einen Kreis, Feuer zischt in einem Kessel. Vergangene Riten scheinen lebendig zu werden.

Das Publikum wird sofort in Bann gezogen.

Eine Zeitreise in die Unbeugsamkeit beginnt

Die Zeitreise beginnt mit „Antigone“ von Sophokles, die Ungehorsame, die ihren Bruder begraben hat. Sie stellt ihr Gewissen ĂŒber das Gebot des König Kreon. Sie ist bereit dafĂŒr ihr Leben zu lassen. Die erste Unbeugsame in einer langen Reihe von unbeugsamen, starken Frauen.

Und fĂŒhrt weiter in die Zeit der Hexenverfolgung vom 14. bis zum 17. Jahrhundert. Hexen werden angeklagt und verurteilt. Es sind Frauen, wie Johanna von OrlÚans, die verbrannt wurde oder Agnes Bernauer, die man ertrĂ€nkte. Es sind Frauen, die stark und tapfer sind, die ihre Meinung Ă€ußern, die helfen und heilen oder einfach auch nur anders aussehen. Es sind „verletzte Seelen“.

Die Hexenprozesse werden durch das intensive Spiel der Literaturgruppe lebendig.

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Unkonventionelles Ambiente.

Es wird ein Auszug aus dem „Hexenhammer“ vorgelesen, ein Werk, das zur Legitimation der Hexenverfolgung im Jahre 1487 veröffentlicht wurde. Das geht unter die Haut.

13 Frauen werden ermordet

Dann der Sprung ins vergangene Jahrhundert, in die Zeit des Nationalsozialismus. Angst, Obrigkeitsglaube fĂŒhrte zur Denunziation. Zwischen 1933 und 1945 wurden im GefĂ€ngnis Plötzensee 2.891 Todesurteile vollstreckt, darunter Mitgliedern der Roten Kapelle. Am 5. August 1943 werden 13 Frauen am Plötzensee in Berlin ermordet.

Die Literaturgruppe stellt sechs Kurzbiografien, unter anderem auch die der Heidelberger ReformpĂ€dagogin und WiderstandskĂ€mpferin Elisabeth von Thadden, vor. Es sind Frauen aus dem Widerstand, es sind starke Frauen. Es sind „verletzte Seelen“.

Es dauert noch an

Die Zeit rĂŒckt immer nĂ€her, Hexenverfolgungen zwischen 1970 und 2010. Eindringlich werden Nachrichten aus Asien, Afrika und SĂŒdamerika vorgetragen. Tod, Krankheit, schlechtes Wetter und schon wird die Hexe ausgemacht. Die Verfolgung macht auch vor Kindern keinen Halt. Es ist die Hexenverfolgung der Gegenwart.

Die letzte Station der Zeitreise ist das Jahr 2050, die Protagonistinnen spielen eine Szene aus dem TheaterstĂŒck „Corpus Delicti“ von Juli Zeh.

Die Zuschauer werden mitgenommen in eine Gerichtsverhandlung gegen Mia Holl wegen methodenfeindlicher Umtriebe.

Der Staat kontrolliert das Individuum. Mia Holl hat sich schuldig gemacht, sie hat ihren Bruder geliebt, ihren Verstand gebraucht und sich versucht unabhÀngig zu machen. Sie hat sich den Kontrollsystemen der Gesellschaft verweigert.

Und es geht weiter?

Mia Holl wird als schuldig verurteilt. Sie soll eingefroren werden. Sie ist eine starke Frau und eine „verletzte Seele“.

Mit großer IntensivitĂ€t spielen die Darstellerinnen ihre Rollen, eindringlich verkörpern sie die Frauengestalten. Es ist großes Theater, was hier auf dem Heddesheimer Dorplatz geboten wird.

Großartig sind auch die MusikstĂŒcke, die die einzelnen Zeitabschnitte verbinden. Die Acapellagruppe mit den SĂ€ngerinnen Aylin Can, Sophie Grossmann, Rita Rössling, Eva Martin- Schneider zeigt eine beeindruckende Leistung.

„Isabella“ von Corvus Corax und das Chorlied „Tourdion“ (französisches Sauflied von Pierre Attaingnant von 1530) umrahmen die Hexenverfolgung vom 14, bis 17. Jahrhundert. Das „BĂŒrgerlied“ von Max Reger, das 1848 zur Revolution geschrieben wurde, fĂŒhrt zu der Zeit des Nationalsozialismus.

SpĂ€testens mit dem jiddischen Lied „Doss Kelbl“ von Shalom Secunda (1940) gelingt es den SĂ€ngerinnen das Publikum völlig zu begeistern.

Mit der tschechische Volksweise „Dobra noc“ liefert der Chor noch einen fantastischen Abschluss.

Die Protagonistinnen bekommen frenetischen Applaus und beweisen einmal mehr, dass die Literaturgruppe um Eva Martin-Schneider auf hohem Niveau und unkonventionell arbeitet.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.