Samstag, 22. Juli 2017

Sonderschulpflicht soll im nÀchsten Schuljahr fallen

Sckerl: „Noch weit von Inklusion entfernt“

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Ladenburg/Rhein-Neckar, 03. Dezember 2014. (red/ld) Die Landesregierung strebt an, die Inklusion von Kindern mit Behinderungen an Schulen voranzutreiben. DafĂŒr ist fĂŒr das kommende Jahr eine Änderung des Schulgesetzes vorgesehen, die bereits im nĂ€chsten Schuljahr greifen soll. SonderschulpĂ€dagogen stehen diesen PlĂ€nen kritisch gegenĂŒber. Ebenso Eltern von Kindern mit Behinderung. Am Dienstag kamen diese mit dem Landtagsabgeordneten Hans-Ulrich Sckerl (GrĂŒne) zu einer Diskussionsrunde im Ladenburger Domhof zusammen. Dazu hatte der Ladenburger Ortsverband von BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen eingeladen.

Welche Aufgaben kommen durch Inklusion auf Eltern, Lehrer, Schulen und Kommunen zu?

Welche Aufgaben kommen durch Inklusion auf Eltern, Lehrer, Schulen und Kommunen zu? Viele Dinge mĂŒssen beachtet werden. Am Ende geht es um das Wohl des einzelnen Kindes.

 

Von Lydia Dartsch

„Mir fehlt dieses gewaltige „Ja!“ zu Inklusion an der Schule“, sagte eine Besucherin der Diskussionsrunde am Dienstagabend im Domhof in Ladenburg. Und tatsĂ€chlich zeigten sich die 30 Besucher, unter denen vor allem SonderschulpĂ€dagogen, Lehrer und Eltern behinderter Kinder waren, skeptisch gegenĂŒber den PlĂ€nen der Landesregierung.

Ab dem nĂ€chsten Schuljahr sollen Eltern von Kindern mit Behinderung frei wĂ€hlen können, ob ihre Kinder in einer Sonderschule unterrichtet werden oder ob sie eine allgemeine Schule besuchen sollen. Die Pflicht zum Besuch einer Sonderschule wird damit aufgehoben. Diese soll in der Pflicht zum Besuch einer Grundschule und einer weiterfĂŒhrenden Schule aufgehen. Gleichzeitig sollen sich Sonderschulen auch fĂŒr Kinder ohne Behinderung öffnen und sich weiterentwickeln zu Dienstleistern, die die betroffenen Schulen beraten und dabei unterstĂŒtzen, Inklusion umzusetzen.

Mehr SchĂŒler/innen im Schulversuch als gedacht

„Wie das laufen wird, weiß niemand“, sagte Uli Sckerl dazu am Dienstagabend. Es sei ein offener Prozess. Allerdings seien die Schulen im Schulamtsbezirk Mannheim besonders gut auf die GesetzesĂ€nderung eingestellt, die im Schulversuch „Bildung junger Menschen mit Behinderung“ seit dem Schuljahr 2010/11 in den Bezirken Mannheim, Stuttgart, Freiburg, Konstanz und Biberach erprobt wird. In Mannheim gebe es derzeit an 44 Schulen inklusiven Unterricht. In Heidelberg an zehn und vier im Rhein-Neckar-Kreis.

Uli Sckerl: "Die Inklusion mĂŒssen die Kommunen bezahlen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe."

Uli Sckerl: „Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

3.300 SchĂŒler/innen in Baden-WĂŒrttemberg nehmen teil, sagte Herr Sckerl: „Das sind deutlich mehr als wir am Anfang gedacht hatten.“ Rund ein Viertel der betroffenen Kinder. In dieser Zahl sind auch die SchĂŒler/innen eingerechnet, die in sogenannten „Außenklassen“ an allgemeinen Schulen unterrichtet werden. Die anderen werden „zieldifferent“ und „gruppenbezogen“ unterrichtet – also mit einem anderen Bildungsziel als die SchĂŒler ohne Behinderung und in einer Gruppe, wo sie von einem Sonderschullehrer zusĂ€tzlich betreut werden. Dadurch sollen die Kinder Kontakte zueinander bekommen.

Doch was nach einem Schritt in Richtung gesellschaftlicher Inklusion und Teilhabe aussieht, bereitet manchen Eltern Bauchschmerzen: “

Mich stört an dieser Diskussion, dass körperbehinderte Kinder auf RollstĂŒhle reduziert werden.

sagte Dr. Stefan Stötzel, Elternbeiratsvorsitzender der Martinsschule und Vorsitzender des Arbeitskreises Sonderschulen Rhein-Neckar e.V. Auch verhaltensauffĂ€llige Kinder oder Kinder mit einer geistigen Behinderung wĂŒrden bei der Diskussion vergessen.

Je nach Behinderung brĂ€uchten die Kinder unterschiedliche Angebote: Manche brĂ€uchten medizinische Hilfe. Also einen Krankenpfleger oder eine Krankenpflegerin, die einem dystonischen Kind beispielsweise Schmerzmittel verabreichen dĂŒrfen. Andere Kinder benötigen Angebote zur Bewegungsförderung. Auch dazu benötige man FachkrĂ€fte, die schon jetzt selten seien, sagte Dr. Stötzel. Eine Lehrerin der Ladenburger Astrid-Lindgren-Schule berichtete von einer SchĂŒlerin, fĂŒr die eigens ein Wickelraum geschaffen worden war: „Sie kommt jeden Morgen mit ihrem Rollstuhl in die Klasse und strahlt wie die Sonne“, sagte sie.

Arnulf Amberg: "Sonderschulen sollen nicht zu Restschulen verkommen." Foto: Archivbild

Arnulf Amberg: „Sonderschulen und inklusive Beschulung sind als gleichwertig zu sehen.“

Die Kosten fĂŒr solche Umbauten könne das Land nicht tragen, sagte Herr Sckerl. Die Ressourcen seien derzeit gebunden durch den bereits bestehenden Sonderbedarf fĂŒr Inklusion sowie fĂŒr die Vorbereitungsklassen fĂŒr FlĂŒchtlingskinder, sagte er.

Inklusion sei außerdem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Um die Kommunen mit der Aufgabe nicht allein zu lassen, suche man derzeit nach Finanzierungsmöglichkeiten, um einen Fonds dafĂŒr einrichten, Ă€hnlich dem Sonderprogramm zur Unterbringung von FlĂŒchtlingen. Ein Sparmodell dĂŒrfe das Projekt aber nicht werden.

„Man muss aufpassen, dass Sonderschulen nicht zu Restschulen verkommen“, sagte Dr. Stefan Stötzel bei der Diskussion. Es bestehe die Gefahr, dass dann nur noch die Kinder in Sonderschulen gingen, die nicht inkludiert werden können. Arnulf Amberg, Rektor der Maria Montessori-Schule antwortete auf diese BefĂŒrchtung: „Beide Schulformen sind gleichwertig zu sehen. Wir machen ein qualitativ hochwertiges Angebot.“

„Man muss behutsam vorgehen“

Die Sonderschulen zu schließen habe man nie vorgehabt, sagte Uli Sckerl. Es gebe auch keinen Grund anzunehmen, dass diese zu „Restschulen“ verkommen. Stattdessen sollen Sonderschulen die gleichen Deputate erhalten, wie bisher. Als Eckpunkt der GesetzesĂ€nderung ist vorgesehen, dass Sonderschullehrer/innen, die mehr als die HĂ€lfte ihres Deputats an der allgemeinen Schule leisten, sollen dorthin versetzt werden. Zudem sollen sich die Sonderschulen auch fĂŒr Kinder ohne Behinderung öffnen.

Wie genau alles funktionieren wird, wer die Reform am Ende bezahlt und ob der Klassenteiler fĂŒr die Inklusion an Schulen gesenkt wird und ob nur Kinder mit Ă€hnlicher Behinderung in eine Lerngruppe kommen, sind nur einige der Fragen, die gestellt wurden. Zudem ist die Wunschliste lang. Eines stellte Uli Sckerl aber klar:

Den Idealzustand, dass jedes Kind mit Behinderung auf die gewĂŒnschte Schule gehen kann, werden wir nicht erreichen.

Man mĂŒsse behutsam vorgehen und dem Vorhaben viel Zeit geben, sagte er. Ein Jahrzehnt werde es schon dauern. Herr Sckerl bot den Besucher/innen an, im kommenden Jahr eine weitere Diskussionsrunde zu dem Thema zu veranstalten, wenn die finanziellen Endverhandlungen im Januar abgeschlossen seien. Die VorschlĂ€ge in dieser Runde könnten dann in die GesetzesĂ€nderung einfließen.

Hinweis der Redaktion: Am Nachmittag startete die landesweite Inklusionskampagne „DUICHWIR Alle inklusive“ der Landesregierung mit einer Auftaktveranstaltung auf dem Weihnachtsmarkt am Wasserturm in Mannheim. FĂŒr die auf ein Jahr angelegte Kampagne sind Kosten in Höhe von einer Million Euro geplant. Laut der Pressemeldung des Sozialministeriums ist das Ziel, „den Inklusionsgedanken in die StĂ€dte, Gemeinden und Nachbarschaften tragen“ und die Aufmerksamkeit der BĂŒrger/innen auf das Thema lenken. Dazu sind landesweite Aktionen und Veranstaltungen geplant, die Neugier auf Inklusion wecken sollen und anhand von Beispielen zeigen sollen, wie Teilhabe und Gemeinschaft möglich sind. Die Menschen sollen zudem ermuntert werden, Inklusion selbst mitzugestalten.

Über Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.