Dienstag, 12. Dezember 2017

Sonderschulpflicht soll im n├Ąchsten Schuljahr fallen

Sckerl: „Noch weit von Inklusion entfernt“

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Ladenburg/Rhein-Neckar, 03. Dezember 2014. (red/ld) Die Landesregierung strebt an, die Inklusion von Kindern mit Behinderungen an Schulen voranzutreiben. Daf├╝r ist f├╝r das kommende Jahr eine ├änderung des Schulgesetzes vorgesehen, die bereits im n├Ąchsten Schuljahr greifen soll. Sonderschulp├Ądagogen stehen diesen Pl├Ąnen kritisch gegen├╝ber. Ebenso Eltern von Kindern mit Behinderung. Am Dienstag kamen diese mit dem Landtagsabgeordneten Hans-Ulrich Sckerl (Gr├╝ne) zu einer Diskussionsrunde im Ladenburger Domhof zusammen. Dazu hatte der Ladenburger Ortsverband von B├╝ndnis 90/Die Gr├╝nen eingeladen.

Welche Aufgaben kommen durch Inklusion auf Eltern, Lehrer, Schulen und Kommunen zu?

Welche Aufgaben kommen durch Inklusion auf Eltern, Lehrer, Schulen und Kommunen zu? Viele Dinge m├╝ssen beachtet werden. Am Ende geht es um das Wohl des einzelnen Kindes.

 

Von Lydia Dartsch

„Mir fehlt dieses gewaltige „Ja!“ zu Inklusion an der Schule“, sagte eine Besucherin der Diskussionsrunde am Dienstagabend im Domhof in Ladenburg. Und tats├Ąchlich zeigten sich die 30 Besucher, unter denen vor allem Sonderschulp├Ądagogen, Lehrer und Eltern behinderter Kinder waren, skeptisch gegen├╝ber den Pl├Ąnen der Landesregierung.

Ab dem n├Ąchsten Schuljahr sollen Eltern von Kindern mit Behinderung frei w├Ąhlen k├Ânnen, ob ihre Kinder in einer Sonderschule unterrichtet werden oder ob sie eine allgemeine Schule besuchen sollen. Die Pflicht zum Besuch einer Sonderschule wird damit aufgehoben. Diese soll in der Pflicht zum Besuch einer Grundschule und einer weiterf├╝hrenden Schule aufgehen. Gleichzeitig sollen sich Sonderschulen auch f├╝r Kinder ohne Behinderung ├Âffnen und sich weiterentwickeln zu Dienstleistern, die die betroffenen Schulen beraten und dabei unterst├╝tzen, Inklusion umzusetzen.

Mehr Sch├╝ler/innen im Schulversuch als gedacht

„Wie das laufen wird, wei├č niemand“, sagte Uli Sckerl dazu am Dienstagabend. Es sei ein offener Prozess. Allerdings seien die Schulen im Schulamtsbezirk Mannheim besonders gut auf die Gesetzes├Ąnderung eingestellt, die im Schulversuch „Bildung junger Menschen mit Behinderung“ seit dem Schuljahr 2010/11 in den Bezirken Mannheim, Stuttgart, Freiburg, Konstanz und Biberach erprobt wird. In Mannheim gebe es derzeit an 44 Schulen inklusiven Unterricht. In Heidelberg an zehn und vier im Rhein-Neckar-Kreis.

Uli Sckerl: "Die Inklusion m├╝ssen die Kommunen bezahlen. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe."

Uli Sckerl: „Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

3.300 Sch├╝ler/innen in Baden-W├╝rttemberg nehmen teil, sagte Herr Sckerl: „Das sind deutlich mehr als wir am Anfang gedacht hatten.“ Rund ein Viertel der betroffenen Kinder. In dieser Zahl sind auch die Sch├╝ler/innen eingerechnet, die in sogenannten „Au├čenklassen“ an allgemeinen Schulen unterrichtet werden. Die anderen werden „zieldifferent“ und „gruppenbezogen“ unterrichtet – also mit einem anderen Bildungsziel als die Sch├╝ler ohne Behinderung und in einer Gruppe, wo sie von einem Sonderschullehrer zus├Ątzlich betreut werden. Dadurch sollen die Kinder Kontakte zueinander bekommen.

Doch was nach einem Schritt in Richtung gesellschaftlicher Inklusion und Teilhabe aussieht, bereitet manchen Eltern Bauchschmerzen: “

Mich st├Ârt an dieser Diskussion, dass k├Ârperbehinderte Kinder auf Rollst├╝hle reduziert werden.

sagte Dr. Stefan St├Âtzel, Elternbeiratsvorsitzender der Martinsschule und Vorsitzender des Arbeitskreises Sonderschulen Rhein-Neckar e.V. Auch verhaltensauff├Ąllige Kinder oder Kinder mit einer geistigen Behinderung w├╝rden bei der Diskussion vergessen.

Je nach Behinderung br├Ąuchten die Kinder unterschiedliche Angebote: Manche br├Ąuchten medizinische Hilfe. Also einen Krankenpfleger oder eine Krankenpflegerin, die einem dystonischen Kind beispielsweise Schmerzmittel verabreichen d├╝rfen. Andere Kinder ben├Âtigen Angebote zur Bewegungsf├Ârderung. Auch dazu ben├Âtige man Fachkr├Ąfte, die schon jetzt selten seien, sagte Dr. St├Âtzel. Eine Lehrerin der Ladenburger Astrid-Lindgren-Schule berichtete von einer Sch├╝lerin, f├╝r die eigens ein Wickelraum geschaffen worden war: „Sie kommt jeden Morgen mit ihrem Rollstuhl in die Klasse und strahlt wie die Sonne“, sagte sie.

Arnulf Amberg: "Sonderschulen sollen nicht zu Restschulen verkommen." Foto: Archivbild

Arnulf Amberg: „Sonderschulen und inklusive Beschulung sind als gleichwertig zu sehen.“

Die Kosten f├╝r solche Umbauten k├Ânne das Land nicht tragen, sagte Herr Sckerl. Die Ressourcen seien derzeit gebunden durch den bereits bestehenden Sonderbedarf f├╝r Inklusion sowie f├╝r die Vorbereitungsklassen f├╝r Fl├╝chtlingskinder, sagte er.

Inklusion sei au├čerdem eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Um die Kommunen mit der Aufgabe nicht allein zu lassen, suche man derzeit nach Finanzierungsm├Âglichkeiten, um einen Fonds daf├╝r einrichten, ├Ąhnlich dem Sonderprogramm zur Unterbringung von Fl├╝chtlingen. Ein Sparmodell d├╝rfe das Projekt aber nicht werden.

„Man muss aufpassen, dass Sonderschulen nicht zu Restschulen verkommen“, sagte Dr. Stefan St├Âtzel bei der Diskussion. Es bestehe die Gefahr, dass dann nur noch die Kinder in Sonderschulen gingen, die nicht inkludiert werden k├Ânnen. Arnulf Amberg, Rektor der Maria Montessori-Schule antwortete auf diese Bef├╝rchtung: „Beide Schulformen sind gleichwertig zu sehen. Wir machen ein qualitativ hochwertiges Angebot.“

„Man muss behutsam vorgehen“

Die Sonderschulen zu schlie├čen habe man nie vorgehabt, sagte Uli Sckerl. Es gebe auch keinen Grund anzunehmen, dass diese zu „Restschulen“ verkommen. Stattdessen sollen Sonderschulen die gleichen Deputate erhalten, wie bisher. Als Eckpunkt der Gesetzes├Ąnderung ist vorgesehen, dass Sonderschullehrer/innen, die mehr als die H├Ąlfte ihres Deputats an der allgemeinen Schule leisten, sollen dorthin versetzt werden. Zudem sollen sich die Sonderschulen auch f├╝r Kinder ohne Behinderung ├Âffnen.

Wie genau alles funktionieren wird, wer die Reform am Ende bezahlt und ob der Klassenteiler f├╝r die Inklusion an Schulen gesenkt wird und ob nur Kinder mit ├Ąhnlicher Behinderung in eine Lerngruppe kommen, sind nur einige der Fragen, die gestellt wurden. Zudem ist die Wunschliste lang. Eines stellte Uli Sckerl aber klar:

Den Idealzustand, dass jedes Kind mit Behinderung auf die gew├╝nschte Schule gehen kann, werden wir nicht erreichen.

Man m├╝sse behutsam vorgehen und dem Vorhaben viel Zeit geben, sagte er. Ein Jahrzehnt werde es schon dauern. Herr Sckerl bot den Besucher/innen an, im kommenden Jahr eine weitere Diskussionsrunde zu dem Thema zu veranstalten, wenn die finanziellen Endverhandlungen im Januar abgeschlossen seien. Die Vorschl├Ąge in dieser Runde k├Ânnten dann in die Gesetzes├Ąnderung einflie├čen.

Hinweis der Redaktion: Am Nachmittag startete die landesweite Inklusionskampagne „DUICHWIR Alle inklusive“ der Landesregierung mit einer Auftaktveranstaltung auf dem Weihnachtsmarkt am Wasserturm in Mannheim. F├╝r die auf ein Jahr angelegte Kampagne sind Kosten in H├Âhe von einer Million Euro geplant. Laut der Pressemeldung des Sozialministeriums ist das Ziel, „den Inklusionsgedanken in die St├Ądte, Gemeinden und Nachbarschaften tragen“ und die Aufmerksamkeit der B├╝rger/innen auf das Thema lenken. Dazu sind landesweite Aktionen und Veranstaltungen geplant, die Neugier auf Inklusion wecken sollen und anhand von Beispielen zeigen sollen, wie Teilhabe und Gemeinschaft m├Âglich sind. Die Menschen sollen zudem ermuntert werden, Inklusion selbst mitzugestalten.

├ťber Lydia Dartsch

Lydia Dartsch (31) hat erfolgreich ihr Volontariat beim Rheinneckarblog.de absolviert und arbeitet nun als Redakteurin. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Anglistin liebt Kino, spielt Gitarre und sportelt gerne.