Freitag, 16. November 2018

Gabi´s Kolumne: Peinlichkeiten

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Irgendwann wird alles, was mal gut war, einfach nur peinlich – sagt Gabi. Gelernt hat sie das von ihren Kindern.

Ich weiß noch als es anfing. Ich holte meinen 10jährigen Sohn in Heidelberg vom Hauptbahnhof ab. Er war zum ersten Mal allein mit dem Zug von seiner Oma alleine zurück gefahren.

Ich sah ihn aussteigen und rannte mit offenen Armen auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Ein gezischtes „Mama, bitte nicht in aller Öffentlichkeit“, machte mir schlagartig klar, die Zeit, dass Mütter peinlich sind, hatte begonnen. Vorbei die Zeit, dass man Hand in Hand durch die Straßen läuft, dass man im Eiscafe geküsst und am Badesee umarmt wird.

Ein paar Monate später wollte ich meinen Sohn mit einem Kinobesuch überraschen, mein Mann war geschäftlich unterwegs, die kleine Schwester übernachtete „auswärts“.

„Wir beide gehen heute Abend in „Harry Potter“, verkündete ich ihm freudig. Erst druckste er ein wenig rum, dann erklärte er mir, das ginge nicht, denn mit der Mutter „allein“ ins Kino zu gehen“, wäre absolut uncool, so als hätte man keine Freunde. Wenn mein Mann ihn zu einer Billardrunde auffordert, ist er dagegen ganz begeistert.

Wenn schon peinlich – dann richtig

In den folgenden Jahren, habe ich die Spielregeln gekannt und auch weitgehend akzeptiert, aber nur weitgehend. Als wir mal zusammen einkaufen waren, bestand er darauf, alleine in den angesagten Skaterladen zu gehen, ich sollte vor der Tür warten.

Kurze Zeit später betrat ich das Geschäft und rief meinem Sohn zu: „Bärchen, was hältst du von dem T-Shirt?“. Und ich möchte nicht verhehlen, dass mich die Röte, die sein Gesicht überzog, innerlich sehr freute. Wenn schon peinlich, dann wenigstens richtig.

Nachklapp: Vor Kurzem hatte mein Sohn Abschlussball und nach dem obligatorischen Eltern-Kind-Tanz küsste er mich auf der Tanzfläche und war sehr stolz auf mich und ich auf ihn. Und ich dachte mir, gut, dass Zeiten vorbei gehen.

Jetzt kommt meine Tochter in die Pubertät, noch geht sie mit mir Hand in Hand durch die Straßen, liebt es, mit mir ins Kino zu gehen und Mutter-Tochter-Shoppingtouren sind der Hit, aber als mein Mann kürzlich sagte „und bald gehen wir zusammen in die Disco“, verdrehte sie die Augen.

Gerechtigkeit muss sein.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.