Montag, 24. September 2018

„Kontraktlogistik ist eher ein regionales Geschäft“

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Jörg Schaible ist Spezialist für Informationstechnologie (IT) im Bereich Kontraktlogistik. Im Interview mit dem heddesheimblog spricht er über die Branche, ihre Chancen und Risiken und erklärt, wie Kontraktlogistik funktioniert.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Schaible, was ist Logistik?
Jörg Schaible: „Vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen der viertgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland mit 205 Milliarden Euro Jahresumsatz und 2,7 Millionen Beschäftigten. Das wissen viele Menschen nicht.“

Sind diese Arbeitsplätze in der Logistik oder verbunden?
„In der Logistik, verbunden kommen noch mal etwa eine Million hinzu. Beispielsweise mein Arbeitsplatz in der IT (Informationstechnologie, d. Red.) , aber auch andere Dienstleistungen und in der Produktion von Lkw, dem Bau von Hallen usw.“

Logistik ist ein Wachstumsmarkt – wenn die Wirtschaft läuft

Welche Perspektiven bietet die Logistik?
„Das ist in der Vergangenheit ein Wachstumsmarkt gewesen, seit man von der Logistik spricht, also seit den 80er Jahren. Seit zehn Jahren hat sich der Begriff etabliert.“

Noch einmal, was ist Logistik?
„Der Leim zwischen den Produzenten und den Verkäufern. Im Kern ist Logistik keine wertschöpfende Leistung, sondern eine Dienstleistung, die die Wertschöpfung unterstützt.“

Jörg Schaible ist Logistikexperte beim Unternehmen Salt Solutions GmbH in Dresden. Bild: privat

Jörg Schaible ist Logistikexperte beim Unternehmen Salt Solutions GmbH in Dresden. Bild: privat

Jahrelang galt die Logistik als Wachstumsbranche, wie ist das in Zeiten der Krise?
„Das Wachstum ist eingebrochen. Mit der Globalisierung ist die Logistik enorm gewachsen, das wird sie auch weiterhin tun, sobald die Märkte wieder anspringen. Die Krise hat ihr mit einem Minus von rund sechs Prozent aber einen deutlichen Dämpfer verpasst.“

Die Mehrheit der Logistiker sind Mittelständler.

Gibt es viele große Firmen oder eher viele Mittelständler?
„Ich schätze, dass rund 30 Milliarden von den großen zehn erwirtschaftet werden, der Rest verteilt sich auf den Mittelstand.“

Welcher Bereich innerhalb der Logistikbranche ist der profitabelste?
„Ganz eindeutig die Kontraktlogistik. Die ist eine Mischung aus Transport, Lagerhaltung und Umschlag von Waren, geht aber darüber hinaus. Sie ist atypisch, weil sie in die Wertschöpfung mit eindringt. Sie erbringt Leistungen für einen Auftraggeber, zum Beispiel das Bestücken und Aufstellen von Displays, also Verkaufsaussteller, oder sie führt einzelne Module zusammen, was vorher der Hersteller oder Händler gemacht hat. Teilweise werden im Automotive-Bereich ebenfalls Fertigungsleistungen erbracht. Kontraktlogistik ist mit Abstand der spannendste Bereich innerhalb der Logistik.“

Wie meinen Sie das?
„Warenströme werden kumuliert. Was vorher verteilt produziert wurde, wird mehr und mehr durch ein Logistik-Unternehmen zusammengefasst. Damit entfällt auch Verkehr, der jetzt zentralisiert wird, also ist auch der Umweltaspekt nicht zu verachten.“

Kontraktlogistik ist so was wie eine Öko-Wirtschaft?
(lacht) „Nicht ganz. Ziel ist natürlich die Effizienzsteigerung und Kostenentlastung. Das führt aber auch zu Umweltentlastungen, wegen der gesteigerten Effizienz.“

Ist Kontraktlogistik für Konsumware ein grenzenübergreifendes oder eher regionales Geschäft?
„Eher regional, wenn es sich im Frische-Bereich abspielt. Ãœberregional sind eher elektronische Konsumgüter und Textilien, beispielsweise die sogenannte „Hängeware“ oder Konsumgüter wie Wasch- und Pflegemittel interessant. Kontraktlogistik hat auch viel mit Outsourcing zu tun!“

Outsourcing wird zunehmen

Hält der Trend zum Outsourcing in der Logistik an?
„Das ist nicht ganz eindeutig zu sagen, was mit dem Outsourcing zu tun hat. Die positiven Aspekte sind: Firmen, die outsourcen, sparen Logistikkosten und erhalten hier eine bessere Leistung. Hinzu kommen niedrigere Lohnkosten. Außerdem wird die Kapitalbindung reduziert. Die Erfahrung zeigt, dass eigene Läger höhere Bestände und einen größeren Flächenverbrauch produzieren. Die Logistik-Dienstleister verstehen ihr Handwerk, die Waren werden effektiver verteilt und die Fixkosten werden variabilisiert.“

Was heißt variabilisiert?
„Der Logistik-Kunde zahlt nur für das, was er logistisch erledigen lässt. Wenn er selbst die Logistik macht, zahlt er für den Unterhalt der Hallen, der Lkw usw. Außerdem profitieren die Unternehmen davon, dass sie das Verteilernetz nicht aufbauen müssen, sondern nutzen können, bessere Service-Dienstleistungen erhalten und Arbeiten beispielsweise auch am Wochenende erledigt werden.“

Das hört sich alles sehr positiv an. Gibt es auch Nachteile?
„Ganz klar. Darüber wird auch intensiv nachgedacht. Denn, je besser die Dienstleistung des Logistikers ist, desto größer wird die Abhängigkeit der Produzenten. Das ist die größte Angst, die Abhängigkeit. Wer seinen Logistik-Prozess outsourct, hat weniger Kontrolle darüber. Außerdem muss der Produzent seine Schnittstellen besser definieren. Was vorher irgendwie passend gemacht wurde, muss in Zusammenarbeit mit dem Logistiker perfekt abgestimmt sein. Ein weiterer Aspekt ist: Der Produzent verliert eine Kontaktmöglichkeit zum Endkunden und verlagert sie zum Logistiker.“

Das heißt?
„Der Produzent verliert vielleicht den entscheidenden Kontakt zum Markt. Deswegen muss er sich sehr auf den Logistiker verlassen können.“

Lkw-Kolonnen und Niedriglohnarbeit bestimmen das Image

Die Logistik hat aber keinen besonders guten Ruf. Woran liegt das?
„Zum einen am sichtbaren Geschäft: Wenn Sie auf der Autobahn an kilometerlangen Lkw-Reihen vorbeifahren, sind Sie genervt. Der andere Aspekt ist der des Niedriglöhners. Hier werden halt Palettenschieber beschäftigt.“

Ist das ganz falsch?
„Nein. Die Lkw müssen fahren und es gibt sicherlich viele niedrig bezahlte Jobs. Andererseits wandelt sich das Berufsbild enorm, immer mehr wird über IT gesteuert und die Mitarbeiter müssen das beherrschen. Und sie brauchen soziale Kompetenzen. Es wird nicht nur einfach irgendwo angeliefert, sondern häufig auch aufgestellt, Altmaterial mitgenommen und hier und da ein Ratschlag erfragt. Der einfache Fahrer auf dem Bock ist dafür nicht der geeignete Mann. Sie brauchen Fahrer, die anpacken können, technisch versiert sind und mit Menschen umgehen können.“

Wo liegen die großen Logistik-Standorte in Deutschland?
„Hamburg und Bremen sind führend. Und natürlich der Frankfurter Flughafen. Große Zentren sind das Ruhrgebiet, Berlin und Hannover Kassel. Regional das Schwabenland, der Rhein-Neckar-Raum und Leipzig/Halle. Der osteuropäische Raum wird überwiegend aus Österreich, Nürnberg und Berlin bedient.“

„Hallen sind Hallen“, Jörg Schaible.

Was macht einen idealen Standort aus?
„Das hängt von der Aufgabe ab. Entscheidend ist sicherlich immer ein guter Anschluss ans Streckennetz, an die Wasserstraße, ans Gleis, eben die Verkehrswege, die man braucht.“

Ästhetisch rangieren Logistik-Zentren nicht gerade auf den vorderen Plätzen oder doch?
„Hallen sind Hallen. Das ist eher eine funktionale Architektur. In Koblenz gibt es ein Beispiel, das versucht, sich in die Landschaft zu integrieren, das ist fürs Auge ganz gefällig. Aber letztlich geht es um Funktionalität.“

Zieht die Branche oft um?
„Das hängt vom wirtschaftlichen Betrieb ab. Wer mit dem Standort nicht zufrieden ist, sucht einen anderen. Die Branche ist aber noch jung und wenn einer geht, kommt der nächste und besiedelt den Platz.“

Es gibt also keine Bauruinen?
„Bauruinen sind mir keine bekannt. Ein Beispiel ist Arcandor, ehemals Karstadt/Quelle. Als die ihr Logistik-Geschäft an DHL verkauft haben, gab es einen Konzentrationsprozess. Aufgegebene Standorte wurden aber von anderen besiedelt.“

Wie sieht ihre Prognose für die wirtschaftliche Entwicklung aus?
„In diesem Jahr und vielleicht auch im nächsten leidet die Logistik überproportional unter der Krise. Langfristig gesehen, ist sie ein Wachstumsmarkt. Sobald die Wirtschaft anspringt, laufen die Aufträge wieder.“

Zur Person:
Jörg Schaible (44) ist Geschäftsbereichsleiter bei der Salt Solutions GmbH in Dresden. Das Unternehmen stellt IT-Lösungen für die Logistik-Branche her und beschäftigt rund 240 Mitarbeiter.

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Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.