Sonntag, 20. August 2017

1. Sommerfest an der neuen Martinsschule

Jede Spende ist hier gut investiert

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Spaß und gute Laune zum 1. Sommerfest in der neuen Martinsschule.

 

Ladenburg/Rhein-Neckar, 03. Juli 2012. (red/la) Die Ladenburger Martinsschule ist eine normale Regelschule fĂŒr besondere Menschen. Am Wochenende wurde Sommerfest und das 30-jĂ€hrige JubilĂ€um des Fördervereins gefeiert. Die Martinsschule ist aber auch ein besonderer Ort – der Freude und Zuneigung.

Von Reinhard Lask

Ich bin zum ersten Mal in der Martinsschule. Heute ist ein schöner Tag. Heute wird Sommerfest gefeiert. Doch mir stehen nach kurzer Zeit die TrĂ€nen in den Augen – ich muss den Anblick von so vielen schwerstbehinderten Kindern erst einmal fĂŒr mich selbst verkraften.

Gerade schiebt eine Mutter einen vermutlich spastisch gelĂ€hmten Jungen an mir vorbei. Ihm lĂ€uft der Speichel aus dem Mund und seine HĂ€nde und Arme sind seltsam verdreht. Aber er lĂ€chelt, freut sich wie ein Schneekönig. Ich schaue seiner Mutter in die Augen – auch sie strahlt, ist freudig, denn heute ist ein Festtag. Und den wollen alle gemeinsam mit guter Laune feiern.

Tradition fortfĂŒhren

Es ist das erste Sommerfest im neuen GebĂ€ude der Martinsschule. Denn erst seit Februar 2010 unterrichten hier 130 Lehrer rund 195 schwer- und schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche. 65 weitere SchĂŒler lernen in Inklusionsklassen außerhalb der Martinsschule.

Rektor Kurt Gredel eröffnet das Fest:

In der alten Schule haben wir alle zwei Jahre unser Sommerfest gefeiert. Diese Tradition wollen wir hier weiterfĂŒhren.

Seit acht Jahren ist Kurt Gredel der Rektor – mit Leib und Seele. Er strahlt viel WĂ€rme und eine schier grenzenlose Freundlichkeit aus – so wie alle, die hier mit den SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern arbeiten. Heute ist nicht nur Sommerfest – es ist auch das 30-jĂ€hrige JubilĂ€um des Fördervereins der Martinsschule.

Herzlichkeit

Ein SchĂŒler kommt an die BĂŒhne. Er heißt Kevin und stakst mit seinen verdrehten Beinen langsam auf die Rampe zu. JĂŒrgen Vosloh, der Vorsitzende des Fördervereins muss den Jungen dabei stĂŒtzen, wĂ€hrend dieser zitternd einen Fuß vor den anderen setzt. „Super machst Du das, Kevin“, lobt Rektor Gredel. Er weiß, was der Junge leistet.

Er freut sich, Kevin es am Ende die ganze Rampe hoch bis auf die BĂŒhne geschafft hat. Kevin ĂŒbergibt Vosloh einen Gutschein. Die SchĂŒler schenken dem Förderverein eine mobile Stellwand, auf der sie in Zukunft ihre Arbeit prĂ€sentieren können. Kevin sagt etwas. Die einzelnen Wörter verstehe ich kaum. Aber ich verstehe auch so, was er sagt. Alle im Foyer verstehen ihn. Kevin bedankt sich – aufrichtig. Der darauf folgende Applaus ist herzlich.

Seit 30 Jahren versucht der Förderverein den MartinsschĂŒlern WĂŒnsche zu erfĂŒllen: 1,1 Millionen Euro hat der Verein seit seiner GrĂŒndung gesammelt. Eine ganz ĂŒberragende Summe, die einem außerordentlich guten Zweck zugekommen ist.

Tiefer Respekt

Der nĂ€chste Spender ĂŒberrascht:  Elmar Ludwig ist ein BĂ€r von einem Mann, der eine schwarze Lederkluft trĂ€gt. Er sieht aus wie ein Rocker, ist das auch, aber ein ganz harmloser – die meisten Klubmitglieder sind Beamte, darunter viele Polizisten. Der KlubprĂ€sident des Motorradklubs „Excubitores“ (lateinisch fĂŒr „Die WĂ€chter“) spendet 500 Euro in bar. Bei seiner Ansprache kĂ€mpft er mit seiner Stimme. Auch er ist bewegt:

Wir haben tiefsten Respekt fĂŒr das, was sie alle hier leisten und wollen das auch in Zukunft weiter mit Spendensammlungen unterstĂŒtzen.

Alle Kinder dĂŒrfen die schweren Maschinen anschauen, mit denen die Klubabordnung gekommen ist – kurz mal mitfahren ist allerdings nicht möglich:

Wir hatten auch mal ĂŒberlegt, dass wir mit denen im Kreis fahren, aber das ist zu gefĂ€hrlich.

Herr Ludwig erzĂ€hlt mir, dass ein Kollege eine schwerstbehinderte Tochter hat. Die lag immer wieder auf der Intensivstation. Die Eltern kĂŒmmen sich wunderbar aufopfernd um sie: „Das kostet so viel Kraft“, sagt er. Immer wieder ringt der stĂ€mmige Mann mit seiner Stimme: „Wir haben schon viele andere Spenden gemacht. Hier wollen wir auch weiter helfen“, sagt er. Und: „Ohne meinen Kollegen wĂ€re ich wohl nie hierher gekommen.“

Lebenslange Hilfe nötig

Alle Kinder, die die Martinsschule besuchen brauchen ihr Leben lang Hilfe. So wie ein MÀdchen, das auf einem Pflegebett liegt. Ich erfahre, dass das MÀdchen die meiste Zeit nur im Bett liegen kann. Es kann nicht alleine laufen, nur liegen und sich winden. Das macht sie, wenn sie Musik hört. Dann dreht sie sich im Takt von einer Seite auf die andere. Ich bin froh, dass Musik ihr Freude macht.

Das MĂ€dchen sieht aus, als lĂ€ge es noch immer im Brutkasten. Vielleicht ist es auch so. Manche Menschen mĂŒssen ihr Leben lang im Brutkasten verbringen. Doch die Martinsschule ermöglicht ihnen ein menschenwĂŒrdiges Leben. Eines mit Perspektive. Was viele nicht wissen: Die Martinsschule ist zwar eine Schule fĂŒr Schwerstbehinderte – aber sie ist eine Regelschule. Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler machen hier ihren Hauptschulabschluss.

NatĂŒrlich gibts in der Römerstadt auch echte Römer.

Mit den Einnahmen des Sommerfestes soll der Schulgarten ausgebaut werden. Bisher sind die Wege fĂŒr Pflegebetten nicht breit genug, sodass das bettlĂ€gerige MĂ€dchen draußen noch keine Pflanzen und Erde fĂŒhlen kann: „FĂŒr den Ausbau brauchen wir zwischen 40.-50.000 Euro“, sagt Rektor Gredel. Landrat Stefan Dallinger hat fĂŒr den Kreis 5.000 Euro gespendet.

Liebe und Förderung

Jede Spende ist hier gut investiert. Ich bin sehr beeindruckt – von der freundichen AtmosphĂ€re und dem liebevollen Umgang mit den Kindern. Von der Offenheit des Hauses und der SelbstverstĂ€ndlichkeit eine normale Schule fĂŒr besondere Menschen zu sein.

In anderen LĂ€ndern sieht man keine Behinderten auf der Straße oder in Schulen. Eine Martinsschule, die vielen der Kinder einen regulĂ€ren Schulabschluss ermöglicht? Undenkbar in vielen LĂ€ndern. Diesen besonderen Menschen einen wĂŒrdevollen Platz inmitten der Gesellschaft geben? Kaum vorstellbar.

Hier in der Martinsschule ist das anders. Auch wenn diese jungen Menschen nicht das GlĂŒck hatten, in „normale“ Körper hineingeboren zu werden, sie haben das GlĂŒck, einen Platz in der Martinsschule gefunden zu haben. Eine Schule voller Menschen, die alles daran setzen, diesen Kindern alle Liebe und die Förderung zu geben, die sie brauchen.

Hintergrund: Die Martinsschule wird von den StĂ€dten Mannheim und Heidelberg sowie dem Rhein-Neckar-Kreis und Kreis Bergstraße getragen.

Spendenkonten des Fördervereins Martinsschule Ladenburg:

Volksbank Kurpfalz H+G Bank
BLZ 672 901 00
Kontonummer: 502 401 00

Sparkasse Rhein Neckar Nord
BLZ 670 505 05
Kontonummer 660 032 21

Die Bildergalerie finden Sie auf dem Ladenburgblog.de

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.