Montag, 24. September 2018

„Ein ‚bisschen schwanger‘ geht nicht.“

Print Friendly, PDF & Email

Guten Tag!

Heddesheim, 03. Dezember 2009. Der neue Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) hat die „elektronische Gesundheitskarte vorerst gestoppt – aus Sicherheitsbedenken. Auch die Ärzte sind gegen die Karte – nicht, weil sie den „glĂ€sernen Patienten“, sondern den „glĂ€sernen Arzt“ fĂŒrchten. Das heddesheimblog hat den Chaos Computer Club gefragt, warum die Computerexperten die Karte ebenfalls ablehnen.

Interview: Hardy Prothmann

Herr Rosengart, der Hamburger Chaos Computer Club kritisiert die geplante Elektronische Gesundheitskarte. Warum?
Frank Rosengart: „Das hat wirklich sehr viele DetailgrĂŒnde. Der wichtigste Punkt ist, dass es NachschlĂŒssel geben soll. Das ist aus kryptographischer (verschlĂŒsselungstechnischer, Anm. d. Red.) Sicht ein großes Problem, weil jegliche echte VerschlĂŒsselung damit hinfĂ€llig ist.“

„Es gibt nur schwanger oder nicht schwanger.“ Frank Rosengart

Sie erklÀren dem Laien warum?
Rosengart: „Das ist wie schwanger sein. Ein bisschen schwanger geht nicht, entweder ja oder nein. Ein bisschen verschlĂŒsseln geht auch nicht. Entweder es wird verschlĂŒsselt ohne NachschlĂŒssel, dann ist das sicher oder es gibt einen NachschlĂŒssel, dann ist es nicht sicher.“

fr

Frank Rosengart: "Das System ist nicht sicher." Foto: privat

Was aber, wenn die Karte verloren geht und der Patient ohne eine angeforderten NachschlĂŒssel nicht mehr an seine Daten kommt?
Rosengart: „Damit sind wir beim zweiten großen Kritikpunkt: Wir halten das VerhĂ€ltnis von Kosten und Nutzen fĂŒr nicht gegeben. Die Krankenakte auf Papier ist zwar nicht verschlĂŒsselt, kann aber auch nicht so einfach verloren gehen und spĂ€testens mit einem Arztwechsel entscheidet der Patient, welche Informationen der neue Arzt bekommt oder nicht. Elektronisch erfasste Daten lassen sich in Sekunden kopieren und auswerten.“

„Das Problem ist der NachschlĂŒssel.“ Frank Rosengart

Gibt es fĂŒr das Problem eine Lösung?
Rosengart: „Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, dem Patienten den ausgedruckten NachschlĂŒssel mitzugeben. Dann verfĂŒgt nur er ĂŒber den SchlĂŒssel. Beim Verlust der Karte dauert es zwar eine Zeit, solch einen langen SchlĂŒssel fehlerfrei einzugeben, aber der Patient besitzt ihn und keine andere Person oder Firma.“

Was spricht noch gegen die elektronische Datenerfassung?
Rosengart: „Ein Beispiel: Der Arzt verschreibt ein Rezept. Der Patient holt das aber aus welchen GrĂŒnden auch immer nicht ab, kann aber das Rezept selbst nicht löschen. Beim nĂ€chsten Besuch sieht das der Arzt. Das ist nicht förderlich fĂŒr ein Vertrauenssystem.“

Aber der Patient hat doch das Rezept nicht abgeholt?
Rosengart: „Das ist die Entscheidung des Patienten. Es ist dem Arzt zu nichts verpflichtet. Wenn er ohne Medikament oder durch eine alternative Behandlung gesundet ist, ist das in Ordnung. Der Patient ist souverĂ€n.“

Kritisieren Sie auch das VerschlĂŒsselungssystem?
Rosengart: „Nein, das ist im Prinzip ein ordentliches System. Es gibt nur um die Existenz der NachschlĂŒssel. Die sollen angeblich getrennt von den Daten aufbewahrt werden, wir haben daran aber Zweifel, dass die Maßnahmen Daten und SchlĂŒssel nicht zusammenbringen zu können einfach nicht ausreichen.“

„Kosten und Nutzen stehen in keinem VerhĂ€ltnis.“ Frank Rosengart

Die Idee hinter der Karte ist, beispielsweise aus KostengrĂŒnden Doppeluntersuchungen zu vermeiden?
Rosengart: „Jeder Arzt, der Zweifel an der vorhergehenden Untersuchung hat oder seine GerĂ€te auslasten will, findet einen Grund fĂŒr eine neuerliche Untersuchung. In der Praxis sehen wir das Argument also nicht.“

Aber es gibt auch Vorteile: Der Patient kann entscheiden, welche Daten er fĂŒr den Arzt freigibt.
Rosengart: „Das ist richtig. Genau das finden wir auch sinnvoll.“

Info:
Frank Rosengart ist einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs Deutschland.

Wikipedia: „Der Chaos Computer Club (CCC) ist ein deutscher Verein, in dem sich Hacker zusammengeschlossen haben. Die Informationsgesellschaft – so der CCC – erfordere „ein neues Menschenrecht auf weltweite, ungehinderte Kommunikation“, weshalb der Club sich „grenzĂŒberschreitend fĂŒr Informationsfreiheit einsetzt und mit den Auswirkungen von Technologien auf die Gesellschaft sowie das einzelne Lebewesen beschĂ€ftigt“.“

Seit 1981 macht der CCC, der rund 3000 Mitglieder zĂ€hlt, immer wieder durch spektakulĂ€re „Hacks“ auf sich aufmerksam. Angefangen von veröffentlichten Daten ĂŒber „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“ (der Firma Vorwerk), ĂŒber „geknackte Banksysteme“, „EinbrĂŒche“ in NASA-Computer oder des sowjetischen Geheimdienst KGB bis zur Veröffentlichung eines Fingerabdrucks des frĂŒheren Bundesinnenministers Wolfgang SchĂ€uble machte der ĂŒberwiegend dezentral agierende Verein immer wieder von sich reden.

WĂ€hrend nach erfolgreichen „Hacks“ (EinbrĂŒche in Computersysteme durch Ausnutzen von SicherheitslĂŒcken) auf der einen (meist „konservativen“) Seite immer wieder die Bestrafung der Hacker gefordert wird, statt froh zu sein, dass diese keinen kriminellen Vorteil daraus ziehen, zeigt der CCC SicherheitslĂŒcken auf und sensibilisiert somit die Öffentlichkeit, was im Ergebnis zu grĂ¶ĂŸeren Anstrengungen bei den betroffenen Firmen und Behörden gefĂŒhrt hat, SicherheitslĂŒcken zu schließen. Ein Danke-schön fĂŒr den Hinweis bekommt der CCC von den „Betroffenen“ aber eher selten.

Elektronische Gesundheitskarte:
Bericht aus Die Welt
Bericht aus Die Zeit

Einen schönen Tag wĂŒnscht
Das heddesheimblog

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.