Freitag, 18. August 2017

Gabis Kolumne

Über weite und kurze Problemchen

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LesebrilleRhein-Neckar, 02. Dezember 2013. (red) Unsere Kolumnistin Gabi hat wieder den Weitblick. Neue Kontaktlinsen machen es möglich. Dafür reicht jetzt die Armlänge noch nicht mal mehr für ein Buch aus – Kleingedrucktes auf Verpackungen kann sie schon gar nicht mehr lesen. Aber sie hat eine Lösung gefunden. Eine praktische, die aber wie so häufig theoretische Überlegungen nach sich zieht. Über das Leben – worüber sonst?

Ich hab’s getan. Ich habe mir eine Lesebrille gekauft! Während im Freundeskreis nach und nach immer mehr verschämt in ihrer Tasche nach der Sehhilfe suchten, konnte ich als kurzsichtige Kontaktlinsenträgerin noch sehr lange den Status „Was? Du brauchst schooon eine Brille zum Lesen“, aufrecht erhalten.

Doch dann brauchte ich neue Linsen – die Schilder auf der Autobahn waren einfach nicht mehr zu entziffern – und mein Optiker meinte fröhlich:

In die Weite sehen Sie jetzt hundert Prozent, aber mit dem Lesen wird’s jetzt wohl nicht mehr klappen.

Dummerweise behielt er Recht und nachdem ich nicht mal mehr meine Tochter bei den Französisch-Vokabeln abhören konnte und spätestens ab dem Moment, als ich zum Lesen die Kontaktlinsen raus nehmen musste, wusste ich, jetzt war der Zeitpunkt gekommen, die nächste Stufe des Älterwerdens zu akzeptieren.

Vor gut zwei Jahren stand ich schon mal an diesem Scheidepunkt, ich ließ mir erstmals beim Frisör die Haare tönen – Intensivtönung, versteht sich.  Und im Vertrauen, das mache ich inzwischen alle sechs Wochen.

Sprachen wir vor ein paar Jahren bei Mädelsabenden noch von Kindern und Kerlen, sind es nun die Spuren des Alters, die an uns und an unseren Themen kratzen. Doch mit Wechseljahren hat das bei weitem nichts zu tun, davon sind wir schließlich noch Jahre entfernt. Hitzewallungen kommen von einer möglichen Grippe, genauso wie Schlafprobleme, Antriebslosigkeit oder Unlust. Denn schließlich sind die heutigen End-Vierziger die 30-Jährigen von früher. Das suggeriert uns zumindest die Werbung und die muss es schließlich wissen.

Eine Bekannte vertraute mir vor kurzem an, dass sie sich in letzter Zeit dabei ertappt, vollkommen wehmütig junge Liebespaare zu betrachten. Eine Freundin brachte es auf den Punkt:

Weißt Du noch wie schön es war, als es kribbelte.

Das hat nichts mit Ihnen zu tun? Okay, dann sind Sie bestimmt noch nicht mal Vierzig und brauchen nicht weiterlesen, denn Sie langweiligen sich zu Tode oder aber Sie gehören zu den (wenigen) Glücklichen, die das alles nicht betrifft oder aber – ich meine jetzt nicht Sie persönlich – Sie lügen sich ins Hemd.

Im Freundeskreis wird zur Zeit kräftig „genullt“ (ich meine nicht den 40. Geburtstag) und alle erklären tapfer, wie toll das sei und wie jung sie sich fühlen. Keiner hat damit ein Problem. Die Gäste erklären unisono:

Du siehst super aus, man sieht Dir Dein Alter überhaupt nicht an, nie hätte ich gedacht, dass Du schon sooo alt bist ….

Also wird gefeiert, was das Zeug hält. Es wird getanzt bis spät in die Nacht, denn schließlich sind wir noch jung. Für einen Abend, eine Nacht klappt das noch ganz vorzüglich. Denn schließlich haben wir gelernt durchzuhalten, aber wehe, man versucht unter der Woche eine Verabredung zu treffen, heißt es: „Ich muss Morgen arbeiten.“

Also was nun? Alt oder jung? Was müssen wir beweisen? Und wem? Frauen, gerade mal über die Dreißig, haben kein Problem damit zu sagen, dass sie ihren Schlaf brauchen, denn sie müssen nicht zeigen, wie „jung“ sie sind.

Erfrischend war dieser Tage eine Diskussion im Freundeskreis über die Wechseljahre des Mannes. Testosteron-Gels sollen wahre Wunder bewirken. „Oh Gott, bloß das nicht!“, rief eine Freundin erschrocken aus. Über die Folgen für’s Liebesleben wollte sie erst gar nicht nachdenken und weitere Details überlasse ich jetzt auch gerne Ihrer Fantasie.

Ich bekenne mich dazu, dass ich älter werden nicht wirklich lustig finde. Aber wir sollten drüber reden, denn schließlich, wie eine Freundin von mir immer so nett sagt, wir gehören zu den starken Geburtsjahrgängen, also wir sind richtig viele und wir werden gemeinsam alt. Und das ist gut so.

Wenn ich „nulle“, und wie Sie es sich jetzt sicher denken können, ist das noch ganz lange hin – dieses Jahr nicht mehr und nächstes Jahr noch lange nicht – werde ich eine Party feiern bis in die tiefe Nacht oder ans Ende der Welt fahren oder mich in einer Hütte mitten im Wald verkriechen oder einfach ein Jahr älter werden.

Übrigens: Mit der Lesebrille klappt das Schreiben von Kolumnen übrigens ganz fantastisch.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.