Sonntag, 23. Juli 2017

Geprothmannt: ├ťber Blabla, TV-Duell und andere Blasen

Manche sagen so, manche so

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Das TV-Duell hat Chefredakteur Hardy Prothmann nicht geguckt – trotzdem weil er viel dar├╝ber, denn manche sagen so, manche so.

Rhein-Neckar/Berlin, 2. September 2013. (red) Geh├Âren Sie zu den rund 12 Millionen Fernsehzuschauern, die sich gestern Abend 90 Minuten Blabla reingezogen haben? Oder zum mehrheitlichen Rest? Vollkommen egal. Die Deutsche Presseagentur (dpa), Hauptlieferant f├╝r ├╝berall gleiche Inhalte in deutschen Tageszeitungen stellte die Sensation fest: Das TV-Duell war das meistgetwitterte Thema weltweit. Gesten. Keine Ahnung, was Twitter ist? Dann lesen Sie weiter.

Von Hardy Prothmann

An diesem 1. September, als Bundeskanzlerin Angela Merkal (CDU) zum ersten Mal ihren „Herausforderer“ Peer Steinbr├╝ck (SPD) notgedrungen wahrnehmen musste, weil man ja ein „TV-Duell“ austrug, haben sich rund 12 Millionen Menschen 90 Minuten lang Blabla angeschaut.

Und weiter?

Und das „etablierte“ Mediensystem tut so, als w├Ąre dieses TV-Geblubber wahlentscheidend. Die ARD sieht Steinbr├╝ck vorne, das ZDF Merkel. Und weiter?

Ich verbringe gerade meinen Urlaub in Andalusien. Im TV-Duell ging es um die Autobahn-Maut. Merkel sagt Nein, was genau Steinbr├╝ck sagte, wei├č ich nicht. Ich hab’s nicht gesehen. Ich wei├č nur, dass die Stra├čen hier in Andalusien top sind. Und ├╝berall ist Tempolimit 120 oder 100. Der Verkehr rollt entspannt. Ich fahre hier Kilometer um Kilometer ohne bevorstehenden Herzinfarkt und irgendwelche Audi-, BMW-, Mercedes-Vollidioten im Kofferraum, die mich am liebsten „abschie├čen“ w├╝rden.

Schickt die Leute nach Andalusien

A propos Stra├čen. Die sind hier alle top. Und sauber. Mannheim und Heidelberg sollten mal ne Delegation hierherschicken, wie moderne Urbanit├Ąt geht. Tolles Flair, super Ambiente, saubere Stra├čen, nette Menschen, leckers Essen, solide Preise.

Ich habe mich sehr genau umgeschaut – die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien von 30, 40, 50 Prozent konnte ich nicht entdecken. Irgendwo wird sie sein, vielleicht auch hier. Das bedarf mehr Zeit und mehr Kompetenz, als ich mir in einem 14-t├Ągigen Urlaub aneignen kann. Aber ich mache ja auch Urlaub. Deswegen sei mir das verziehen.

Sicher ist in Deutschland, dass Arbeitsplatz nicht gleich Arbeitsplatz ist. Die Arbeitsmarktstatistiken kann man sich sch├Ânen, wie man will. Tatsache ist, dass ich sehr, sehr viele Leute in Deutschland kenne, die alle flei├čig sind, aber das Geld ist knapp. Und ich kenne sehr, sehr viele Unternehmer, die gerne besch├Ąftigen, aber nicht wissen, wie sie das bezahlen sollen.

Ganz ehrlich?

Ich mag Leute, die erst denken, dann entscheiden und dann handeln. Frau Merkel behauptet das von sich – zumindest schreibt das dpa. Tats├Ąchlich bin in nicht davon ├╝berzeugt, dass das stimmt. Gerade in Bezug auf die umfassende Aussp├Ąhung aller B├╝rger/innen durch die NSA und andere „Partner“-Schn├╝ffler.

Ganz ehrlich? Ich glaube Frau Merkel kein Wort. Nicht, weil ich das TV-Duell nicht gesehen habe, sondern weil ich t├Ąglich die Nachrichten verfolge und verarbeite. Ich glaube aber auch Herrn Steinbr├╝ck kein Wort, aus denselben Gr├╝nden.

Und ich glaube auch den Medien kein Wort – vor allem dann nicht, wenn sie ihre Informationen nicht selbst und mit M├╝he erarbeitet haben, sondern alle nur dasselbe Blabla wiedergeben – vorzugsweise ├╝ber „Agenturen“. Gehen Sie morgen mal an einen Kiosk mit vielen Zeitungen – steht ├╝berall dasselbe drin – dpa.

Ich misstraue Medien, ich traue guten Journalisten

Ich folge sehr wohl einzelnen Journalisten bei verschiedenen Medien, weil ich deren Arbeit sch├Ątze. Warum ich diese sch├Ątze? Weil ich was erfahre und sp├Ąter feststelle: Das stimmt, was die berichtet haben. Die haben sich Arbeit und M├╝he gemacht und nicht bl├Âde dpa nachgeblubbert.

Was mir sehr missf├Ąllt, ist diese ge├Âlte Maschinerie aus Politik, Wirtschaft und Medien. Das ist alles vorhersehbar, was da l├Ąuft. Das ist ein gut geschmiertes so-tun-als-ob-man-was-wei├č-Theater – wir B├╝rger/innen sind nur Publikum, dass einer routinierten Inszenierung glauben soll.

Dank Internet kann man uns nicht mehr so viel vormachen wie fr├╝her. Dank Twitter gehen Nachrichten rasend schnell und vollst├Ąndig unkontrolliert um die Welt. Da ist viel Bl├Âdsinn bei. Na und? Ist das anders als vorher? Achso: Was Twitter ist, d├╝rften gef├╝hlt 80 Prozent der ├╝ber 60-j├Ąhrigen Zeitungsleser nicht wissen, die insgesamt rund 90 Prozent der Leser ausmachen.

Was f├╝r eine Schlagzeile: TV-Duell ohne klaren Sieger

Ge├╝bte Zeitungsleser k├Ânnen damit umgehen – sie lesen fast nie bis zum Ende eines Artikels. Die ├ťberschriften reichen. Der Mannheimer Morgen „titelt“ heute – auf Agenturbasis – „TV-Duell ohne klaren Sieger“.

Na dann. Blabla, Blubber und irgendwas in die Welt hinaus geblasen.

Was ich so auf Twitter, Facebook und sonstwo im Internet lese, ist genau das: Manche sagen so, manche so.

Ganz ehrlich? Ich bin sehr froh, einen sch├Ânen Tag in Sevilla verbracht zu haben und vermisse nichts, um am Wahltag meine Entscheidung zu treffen.

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.