Freitag, 25. Mai 2018

Geprothmannt: Über Blabla, TV-Duell und andere Blasen

Manche sagen so, manche so

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Das TV-Duell hat Chefredakteur Hardy Prothmann nicht geguckt – trotzdem weil er viel darĂŒber, denn manche sagen so, manche so.

Rhein-Neckar/Berlin, 2. September 2013. (red) Gehören Sie zu den rund 12 Millionen Fernsehzuschauern, die sich gestern Abend 90 Minuten Blabla reingezogen haben? Oder zum mehrheitlichen Rest? Vollkommen egal. Die Deutsche Presseagentur (dpa), Hauptlieferant fĂŒr ĂŒberall gleiche Inhalte in deutschen Tageszeitungen stellte die Sensation fest: Das TV-Duell war das meistgetwitterte Thema weltweit. Gesten. Keine Ahnung, was Twitter ist? Dann lesen Sie weiter.

Von Hardy Prothmann

An diesem 1. September, als Bundeskanzlerin Angela Merkal (CDU) zum ersten Mal ihren „Herausforderer“ Peer SteinbrĂŒck (SPD) notgedrungen wahrnehmen musste, weil man ja ein „TV-Duell“ austrug, haben sich rund 12 Millionen Menschen 90 Minuten lang Blabla angeschaut.

Und weiter?

Und das „etablierte“ Mediensystem tut so, als wĂ€re dieses TV-Geblubber wahlentscheidend. Die ARD sieht SteinbrĂŒck vorne, das ZDF Merkel. Und weiter?

Ich verbringe gerade meinen Urlaub in Andalusien. Im TV-Duell ging es um die Autobahn-Maut. Merkel sagt Nein, was genau SteinbrĂŒck sagte, weiß ich nicht. Ich hab’s nicht gesehen. Ich weiß nur, dass die Straßen hier in Andalusien top sind. Und ĂŒberall ist Tempolimit 120 oder 100. Der Verkehr rollt entspannt. Ich fahre hier Kilometer um Kilometer ohne bevorstehenden Herzinfarkt und irgendwelche Audi-, BMW-, Mercedes-Vollidioten im Kofferraum, die mich am liebsten „abschießen“ wĂŒrden.

Schickt die Leute nach Andalusien

A propos Straßen. Die sind hier alle top. Und sauber. Mannheim und Heidelberg sollten mal ne Delegation hierherschicken, wie moderne UrbanitĂ€t geht. Tolles Flair, super Ambiente, saubere Straßen, nette Menschen, leckers Essen, solide Preise.

Ich habe mich sehr genau umgeschaut – die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien von 30, 40, 50 Prozent konnte ich nicht entdecken. Irgendwo wird sie sein, vielleicht auch hier. Das bedarf mehr Zeit und mehr Kompetenz, als ich mir in einem 14-tĂ€gigen Urlaub aneignen kann. Aber ich mache ja auch Urlaub. Deswegen sei mir das verziehen.

Sicher ist in Deutschland, dass Arbeitsplatz nicht gleich Arbeitsplatz ist. Die Arbeitsmarktstatistiken kann man sich schönen, wie man will. Tatsache ist, dass ich sehr, sehr viele Leute in Deutschland kenne, die alle fleißig sind, aber das Geld ist knapp. Und ich kenne sehr, sehr viele Unternehmer, die gerne beschĂ€ftigen, aber nicht wissen, wie sie das bezahlen sollen.

Ganz ehrlich?

Ich mag Leute, die erst denken, dann entscheiden und dann handeln. Frau Merkel behauptet das von sich – zumindest schreibt das dpa. TatsĂ€chlich bin in nicht davon ĂŒberzeugt, dass das stimmt. Gerade in Bezug auf die umfassende AusspĂ€hung aller BĂŒrger/innen durch die NSA und andere „Partner“-SchnĂŒffler.

Ganz ehrlich? Ich glaube Frau Merkel kein Wort. Nicht, weil ich das TV-Duell nicht gesehen habe, sondern weil ich tĂ€glich die Nachrichten verfolge und verarbeite. Ich glaube aber auch Herrn SteinbrĂŒck kein Wort, aus denselben GrĂŒnden.

Und ich glaube auch den Medien kein Wort – vor allem dann nicht, wenn sie ihre Informationen nicht selbst und mit MĂŒhe erarbeitet haben, sondern alle nur dasselbe Blabla wiedergeben – vorzugsweise ĂŒber „Agenturen“. Gehen Sie morgen mal an einen Kiosk mit vielen Zeitungen – steht ĂŒberall dasselbe drin – dpa.

Ich misstraue Medien, ich traue guten Journalisten

Ich folge sehr wohl einzelnen Journalisten bei verschiedenen Medien, weil ich deren Arbeit schĂ€tze. Warum ich diese schĂ€tze? Weil ich was erfahre und spĂ€ter feststelle: Das stimmt, was die berichtet haben. Die haben sich Arbeit und MĂŒhe gemacht und nicht blöde dpa nachgeblubbert.

Was mir sehr missfĂ€llt, ist diese geölte Maschinerie aus Politik, Wirtschaft und Medien. Das ist alles vorhersehbar, was da lĂ€uft. Das ist ein gut geschmiertes so-tun-als-ob-man-was-weiß-Theater – wir BĂŒrger/innen sind nur Publikum, dass einer routinierten Inszenierung glauben soll.

Dank Internet kann man uns nicht mehr so viel vormachen wie frĂŒher. Dank Twitter gehen Nachrichten rasend schnell und vollstĂ€ndig unkontrolliert um die Welt. Da ist viel Blödsinn bei. Na und? Ist das anders als vorher? Achso: Was Twitter ist, dĂŒrften gefĂŒhlt 80 Prozent der ĂŒber 60-jĂ€hrigen Zeitungsleser nicht wissen, die insgesamt rund 90 Prozent der Leser ausmachen.

Was fĂŒr eine Schlagzeile: TV-Duell ohne klaren Sieger

GeĂŒbte Zeitungsleser können damit umgehen – sie lesen fast nie bis zum Ende eines Artikels. Die Überschriften reichen. Der Mannheimer Morgen „titelt“ heute – auf Agenturbasis – „TV-Duell ohne klaren Sieger“.

Na dann. Blabla, Blubber und irgendwas in die Welt hinaus geblasen.

Was ich so auf Twitter, Facebook und sonstwo im Internet lese, ist genau das: Manche sagen so, manche so.

Ganz ehrlich? Ich bin sehr froh, einen schönen Tag in Sevilla verbracht zu haben und vermisse nichts, um am Wahltag meine Entscheidung zu treffen.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.