Sonntag, 20. August 2017

Gabis Kolumne

Wie war das noch Mal mit der Emanzipation?

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Guten Tag

Rhein-Neckar, 02. Mai 2011. In der großen Politik wird ĂŒber die Frauenquote in der Wirtschaft diskutiert. Aber Gabi interessiert sich mehr fĂŒr die Emanzipation bei den „normalen“ Frauen.

Ursula von der Leyen: Spitzenpolitikerin mit sieben Kindern. Keine Ahnung, wie das geht. Quelle: wikipedia/Dirk Vorderstraße

 

Ich finde es ist mal wieder an der Zeit, etwas zur Emanzipation zu sagen. In der Politik wird erneut groß ĂŒber die Frauenquote in den Spitzenpositionen der Wirtschaft diskutiert und Frau Ursula von der Leyen, Bundesministerin fĂŒr Arbeit und Soziales, ist bekennend dafĂŒr und Familienministerin Kristina Schröder, gerade schwanger, dagegen.

Aber letztendlich sind die beiden Damen mir auch egal. Sie sind Spitzenpolitikerinnen, mit SpitzengehÀltern, in Spitzenpositionen und wie Ursula von der Leyen bei sieben Kindern diese Karriere machen konnte, ist mir schlichtweg ein RÀtsel, das ich auch gar nicht lösen möchte.

Mir geht es um die Emanzipation bei den „Normalfrauen“

Ich erinnere mich noch gut als der Erzeuger meines Erstgeborenen das GoldstĂŒck in Anwesenheit meiner Eltern und Großeltern erstmals wickelte. Ein Schrei der Bewunderung aus aller Munde. „Nein, schaut doch bloß, wie er das kann“, rief meine Großmutter und beifĂ€lliges Gemurmel begleitete den Wickelakt.

Hatte ich etwas verpasst? Kein Mensch zollte meiner Wickelkunst Beachtung oder gar Bewunderung. Haben Frauen denn ein Wickel-Gen und hatte ich das im Biologieunterricht nur nicht mitbekommen?

Das alles liegt Gott sei Dank schon weit hinter mir und mein Sohn benötigt heute mit seinen 17 Jahren in dieser Beziehung keine Hilfestellung mehr.

Als ich meinen Mann kennenlernte war er emanzipiert, kochte, ging einkaufen, organisierte seinen Haushalt und wusch die WĂ€sche – und das schon seit Jahren. In der ersten Zeit unserer Beziehung wurde ich immer wieder von meinen Freundinnen beneidet, wie gut ich’s hatte, wenn ich von der Arbeit kam, stand meist schon das Essen auf dem Tisch und die VorrĂ€te waren immer aufgefĂŒllt. Gerne ĂŒbernahm ich dafĂŒr das Waschen und Putzen.

Doch mit der Zeit kamen immer hĂ€ufiger wichtige geschĂ€ftliche Termine dazwischen und der KĂŒhlschrank blieb schon mal leer und der Herd kalt.

DafĂŒr kĂŒmmerte er sich ja um die Autos, den Garten und alle möglichen Reparaturen.

„So gesehen, hast du dich doch emanzipiert.“

Doch die geschĂ€ftlichen Termine wurden immer wichtiger und mehr, ich fing an die Hecke zu schneiden, die ToilettenspĂŒlung zu reparieren und die GetrĂ€nke herbei zu schleppen. „Was beschwerst du dich“, fragte eine Freundin. „So gesehen hast du dich doch emanzipiert.“

Und es sei doch klar, dass er an diesem Status Quo, der ihm ja genĂŒgend Freiraum fĂŒr seine wirklich wichtige Arbeit gab, nichts verĂ€ndert wollte. Dies gab mir zu denken.

Von einem schönen Experiment erzĂ€hlte mir dieser Tage eine gute Bekannte. Ihr Mann, ein Paradeexemplar der Spezies „Macho“, beschwerte sich zum wiederholten Mal darĂŒber, dass sie so viel Zeit und so viel Geld fĂŒr den wöchentlichen Einkauf verwende. Das sei alles eine Frage der Organisation, erklĂ€rte er ihr.

„Irgendwann hat’s mir gereicht und am nĂ€chsten Samstag bat ich ihn, mich beim Einkauf zu begleiten, damit ich mir mal abschauen könnte, wie man Einkaufen zeit- und kostenoptimiert.“

„Wir sind in einer guten halben Stunde zurĂŒck“, rief er den Kindern zu. „Rechnet mit uns nicht in den nĂ€chsten zwei Stunden“, ergĂ€nzte meine Freundin.

ZunĂ€chst ließ sie ihn das gesamte Leergut ins Auto tragen, was in einer Stadtwohnung ohne eigenen Parkplatz vor der TĂŒr schon recht anstrengend werden kann. Dann fuhren sie gemeinsam zum Supermarkt „Hol doch schon mal einen Wagen und bring’ dann die Flaschen weg“, wies sie ihn an. Völlig entrĂŒstet kam er schon nach wenigen Sekunden zurĂŒck, „da brauch’ man ja eine MĂŒnze oder einen Chip“, beschwerte er sich.

Vor der LeergutrĂŒckgabe hatte sich eine Schlange gebildet, „das kannst du ja beim nĂ€chsten Mal machen“, warf er ein. Aber sie erklĂ€rte ihm, dann wĂ€re ja im Auto leider kein Platz fĂŒr den Einkauf.

„Hier hast du die Liste, was wir alles brauchen“, sagte meine Bekannte und schlenderte bewusst unbeteiligt durch den Supermarkt. Schon beim Obst und GemĂŒse wirkte er leicht gestresst, an den Regalen ĂŒberfordert und spĂ€testens an der Wursttheke war er vollkommen abgenervt. „Wie soll man denn da vernĂŒnftig die Preise vergleichen, wenn ĂŒberall unterschiedliche Mengen drin sind“, motzte er vor sich hin.

An der Kasse trat ihm der Schweiß auf die Stirn, das erste Mal, als er es kaum schaffte bei dem Tempo, das die Kassiererin vorgab, mitzuhalten und beim zweiten Mal, als er die Summe hörte.

„Knapp zwei Stunden spĂ€ter waren wir wieder zu Hause. Leider fanden wir keinen Parkplatz vor der HaustĂŒr.“ „Ruf doch schon mal die Jungs“, habe er gesagt, „die können das Auto ausrĂ€umen.“ Doch auch hier blieb meine Freundin unerbittlich, schließlich seien die vormittags, wenn sie einkaufe, in der Schule, da mĂŒsse man jetzt schon die echten Bedingungen nachempfinden, erklĂ€rte sie ihm.

„Immerhin habe ich mich erweichen lassen, zwei TĂŒten in den zweiten Stock zu schleppen, den Rest habe ich ihm ĂŒberlassen.“

Nach zwei Stunden und fĂŒnf Minuten waren die EinkaufstĂŒten in der KĂŒche und die GetrĂ€nkekisten im Keller. Inzwischen war er schweißgebadet. „So, und jetzt musst du noch alles verrĂ€umen“, habe sie ihn angewiesen.

Die Aktion war Ă€ußerst heilsam

„Das Resultat der Aktion war Ă€ußerst heilsam, er hatte fast das Doppelte ausgegeben und war insgesamt zwei ein halb Stunden beschĂ€ftigt.“ „Und macht er jetzt weiterhin den Einkauf“, wollte ich wissen. „Wo denkst du hin, natĂŒrlich nicht, aber immerhin macht er mir keine Vorhaltungen mehr, dass ich schlecht organisiert sei“, meinte sie.

Soweit so gut, dachte ich, dieses Experiment hat zumindest diesem „Macho“ die Augen geöffnet, wenn auch das Thema Arbeitsteilung dadurch nicht wirklich zur Sprache kam.

Mein Mann beschwert sich weder darĂŒber, dass ich zu viel Geld ausgebe, noch, dass ich fĂŒr meine „hausfraulichen Pflichten“ zu viel Zeit brauche. Aber es ist nun mal so, dass ich alles mache – „aber doch nur so lange ich beruflich so stark eingebunden bin“, argumentiert er, und zwar seit ĂŒber zwei Jahren.

Ein Ende ist nicht wirklich in Sicht, mutmaße ich und lass’ es auf einen handfesten Krach ankommen. Tagelang habe ich mir Argumente zurecht gelegt, meine Stunden, die ich bei der Arbeit, im Haushalt und mit der Organisation der Kinder verbringe, addiert und das sich ergebende SĂŒmmchen, lĂ€sst selbst meinen Göttergatten sprachlos sein.

„Du hast Recht, das ist einfach zu viel“, sagt er einlenkend. „Da mĂŒssen wir dringend etwas daran Ă€ndern, ich finde, du solltest dir eine Putzhilfe organisieren“, meint er mit sich zufrieden, denn damit scheint das Problem aus seiner mĂ€nnlichen Sicht gelöst.

„Ganz ehrlich, Frau von der Leyen, war das auch ihr Lösungsansatz?“, möchte ich fragen, aber sie wird mir vermutlich keine Antwort geben und weiter ĂŒber die Frauen-Quotenregelung in der Wirtschaft diskutieren.

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.