Samstag, 19. August 2017

Der MM und seine „närrische“ Berichterstattung

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Guten Tag!

Heddesheim, 02. Februar 2010. Glauben Sie alles, was in der Zeitung steht? Nein? Das ist auch gut so. Denn der Mannheimer Morgen veröffentlicht nicht nur einen Bratwurstartikel nach dem anderen – er behauptet auch Dinge, die nicht stattgefunden haben.

Kommentar: Hardy Prothmann

Es soll Menschen geben, die Bratwurstjournalismus lieben, also Texte, in denen „es kein Halten mehr gibt, eingeheizt und gekrönt wird“, alle „stolz“ sind, die handelnden Personen „betonen, berichten, erzählen, gestehen, verraten“, aber niemals etwas einfach nur sagen und alles insgesamt „gelungen ist und unter Beweis gestellt wird“. Vor allem die „Darbietungen“ und die „fraglosen Höhepunkte“.

Es gibt aber immer mehr Menschen, die auf dieses sinnentleerte Geschwurbel, dieses verbratwurstete Geschreibsel keine Lust mehr haben. Ihnen ist der Appetit an diesen vergammelten „Formulierungsfantastereien“ dieser „Provinzpoeten“ gründlich vergangen.

Richtig übel wird es aber, wenn Ereignisse berichtet werden, die gar nicht statt gefunden haben. So schreibt der MM über die Prunktsitzung der Grumbe vom Samstag: „Für gelungene Abwechslung zwischen den Büttenreden sorgten auch der Besuch der Mannheimer Stadtprinzessin sowie die Darbietungen der „Kerweborscht“.“

Vielleicht sollte der MM mal zur „gelungenen Abwechslung“ nicht schon gegen 22:00 Uhr eine Veranstaltung verlassen und nicht einfach nur das Programm abschreiben. Dann würden die Leserinnen und Leser dieser Lokalzeitung auch zutreffend informiert, statt zum Narren gehalten zu werden.

Der Besuch der Stadtprinzessin viel wetterbedingt aus und die „Kerweborscht“ sind auch nicht aufgetreten – außer im „blumigen“ Bericht des MM.

Kein Wunder also, dass die Zeitungen seit Jahren an Auflage und Abonnements verlieren, wenn selbst bei Karnevalsveranstaltungen eine „minimalst denkbare Recherche“ eine zu „große Herausforderung darstellt“.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.

  • Susanne

    Bei der Aufzählung der Verben des Sagens hast du „betonen“ vergessen. Das ist das Lieblingswort unseres lokalen Bratwurstblattes.

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag!

      Danke für den Vorschlag.

      Wie konnten wir das vergessen…? Ist eingefügt.

      🙂

      Einen schönen Tag wünscht
      Das heddesheimblog

  • Jochen Schust

    Das Schlimme ist: Der MM ist nicht etwa ein Negativbeispiel für besonders schlechten Lokaljournalismus, sondern eher Durchschnitt. In den allermeisten Lokalredaktionen Deutschlands gehts genauso muffig und leserfeindlich zu. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das Geschäftsmodell „Bratwurstjournalismus“ relativ schnell ökononomisch erledigen wird. Entweder der Lokaljournalismus a la MM nimmt seine Aufgabe und seine Leser endlich ernst oder er verschwindet. Das H-blog (und übrigens auch einige andere gute Lokalblogs) zeigt, wie die Zukunft im Lokalen aussehen könnte.

    • dasheddesheimblog

      Guten Tag!

      Danke für Ihren Kommentar.

      40 Jahre nach „Unter den Talaren – der Muff aus 1000 Jahren“, beginnt endlich eine Diskussion über eine Mediengesellschaft, die gerade um das „iPad“ bereichert wurde oder auch nicht.

      Das heddesheimblog ist sicherlich nicht der einzige Versuch, neue Wege im Journalismus zu gehen.

      Wir veröffentlichen gerne eine Liste von ambitionierten journalistischen Angeboten außerhalb des als bislang angenommenen „Mainstreams“.

      Vorschläge sind willkommen – eine detaillierte Besprechung der Vorschläge ist versprochen.

      Einen schönen Tag wünscht
      Das heddesheimblog

  • Für die Verben des Sagens Sammlung: lachen

    Anwendungsbeispiel:

    „Die Kinder haben ein Heidenspaß“, lacht die Erzieherin.

  • Andreas Kellner

    Preisfrage: „Was kann man 4 Tage später in der Online-Ausgabe des Mannheimer Morgen lesen?“

    Antworten:

    a) Die aktualisierte Meldung

    b) Die Falschmeldung?

    Unglaublich aber wahr? Oder vielleicht doch falsch?

    Die Falschmeldung ist die richtige Antwort.

    Warum ist eigentlich der Morgenweb-Redakteur zu keiner Korrektur bereit?

    Nachlesen können sie die Falschmeldung noch hier:

    http://www.morgenweb.de/region/heddesheim/20100201_srv0000005359107.html

    • Jochen Schust

      …tja da müsste man ja einräumen, dass die MM-Berichterstatterin Ilka Rupp eine der schwersten Sünden im Journalismus begangen hat. Über eine Veranstaltung berichten, bei der sie offenbar nicht – mehr – dabei war. Gibt´s sowas wie Abmahnungen auch für Freie Mitarbeiter? Dann hätte sie wohl eine verdient.

      • dasheddesheimblog

        Guten Tag!

        Danke für Ihren Beitrag.

        Eine Abmahnung gibt es nicht, denn es ist ja kein Arbeits- sondern ein Auftragsverhältnis.

        Tatsächlich berichten viele Journalisten über Ereignisse oder Veranstaltungen, an denen sie persönlich nicht teilgenommen haben.
        Es ist auch nicht unbedingt notwendig und personell nicht zu realisieren, immer persönlich vor Ort zu sein. Manchmal ist es auch nicht möglich – siehe Mondlandung.

        Die Freie Mitarbeiterin des MM hat auch „kalt“ über „Fräulein Baumann“ geschrieben und den Auftritt als „Erfolg“ bezeichnet. Hier hatte sie Glück, denn es war einer.

        Der Fehler, der mit der Stadtprinzessin passiert ist, hätte sich einfach vermeiden lassen, indem die behaupteten Fakten nochmals überprüft worden wären.

        Gerade, wenn es sich um eine wichtige Nachricht handelt – für einen Karnevalsverein ist der Besuch der Stadtprinzessin eine große Ehre – muss eine besonders sorgfältige Überprüfung stattfinden. Ein Anruf am nächsten Tag hätte gereicht, um dies in Erfahrung zu bringen.

        Der Fehler mit den Kerweborscht hätte nicht sein müssen, die waren für 20:50 Uhr angesetzt. Zu diesem Zeitpunkt war die Freie Journalistin noch vor Ort anwesend, soweit wir wissen.

        Die unkritische, gedankenlose Übernahme von Inhalten, fehlende Vor- und Nachrecherche sind typisch für den Bratwurstjournalismus. Hier wird halt alles verwurstet – eine Qualitätskontrolle fehlt weitestgehend.

        Einen schönen Tag wünscht
        Das heddesheimblog