Mittwoch, 26. September 2018

Gabi´s Kolumne: Älter werden ist okay, älter aussehen ein „no go“

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Guten Tag!

Heddesheim, 02 November 2009.

Gabi ist nicht bereit, „alt“ zu werden. Obwohl oder gerade weil sie gerade Geburtstag hatte. Was bedeutet, das wieder ein Jahr verstrichen ist. Und sie hat Cremes und gute Wünsche als Geschenke bekommen. Reicht ihr das? „Nein“, sagt Gabi. „Das reicht nicht. Ich muss mich nicht cremen, um jung zu sein, ich creme mich aber, um gut und jung auszusehen“, meint Gabi.

Als ich zu meinem letzten Geburtstag von meinem Mann eine sündhafte teure Creme geschenkt bekommen habe – das erkennt man eindeutig an der Verpackung, großer Tiegel, kleine Menge – wusste ich: Jetzt ist es so weit, als Enddreißigerin gehe ich nicht mehr durch.

Gleichzeitig bekam ich von einer Freundin „guten“ Lidschatten mit dem Kommentar überreicht, „in unserem Alter“ könnten wir uns die Billigprodukte nicht mehr leisten. Auch ein hübscher neuer Kalender sollte mich wohl daran erinnern, dass ich in letzter Zeit des öfteren Termine vergessen habe – auf diese Idee kamen sogar zwei Freundinnen gleichzeitig (das war ein wenig peinlich – ging aber gut aus).

creme

Cream as you can... Pflege ist unabhängig vom Alter wichtig, wird aber mit dem Alter notwendiger(?)... Bild: hblog

Da saß ich nun mit meinen wunderschönen Geschenken – den Büchern, den Schals, aber vor allem der Creme und den Kalendern – und machte mir so meine Gedanken.

Wie ist das nun mit dem Älter werden:

  • tausende Hilfsmittel werden täglich in der Werbung gepriesen, die den Alterungsprozess angeblich aufhalten
  • die Cremes und Tuben sollen unsere Haut länger frisch halten
  • es gibt viele Farben, die die ersten grauen Härchen und alle weiteren überdecken
  • stützende Strumpfhosen kaschieren die Problemzonen (also knackig verpacken, was immer noch weiblich ist)
  • Vitaminpräparate sollen unser Gehirn auffrischen
  • nicht zu vergessen die Fitnessstudios mit deren Bezahlung unser Körper jugendlich gestrafft wird – allerdings nur durch eigene Anstrengung
  • … und hilft das alles nichts mehr, geht es ab unter das Messer des Schönheitschirurgen unseres Vertrauens

Älter werden ist okay – älter aussehen aber definitiv ein „no go“.

Vorbei sind die Zeiten, als man anhand der Kleidung oder des Musikgeschmacks das Alter erkennen konnte.

Als wir jung waren, kleideten sich Mütter noch wie Mütter.

Und heute?

Wie sollen sich denn heute unsere Kinder abgrenzen, wenn Minis, Leggins, schrille Outfits von der Elterngeneration besetzt bleiben – inklusive Bauchnabel-Piercings und Tatoos?

Wollen unsere Kids wirklich mit uns aufs Popkonzert oder in die Disco?

Haben wir es irgendwann verpasst inne zu halten? Bedeutet das also gleichzeitig für uns, sobald wir Kinder im Teenageralter haben, bleibt uns nur die Möglichkeit in Würde alt zu werden, grau und faltig?

Nein? Genau das denke ich auch.

Aber trotzdem sind wir älter. Die Eltern.

Was also tun? Gibt es ein Rezept, älter zu werden, Würde zu erlangen und trotzdem nicht „alt“ zu sein?

Meine Großmutter, da hatte sie die Achtzig schon weit überschritten, sagte mir mal, „in mir drin fühle ich mich immer noch wie ein junges Mädchen“.

Denn, sich die Neugierde zu bewahren, aufgeschlossen zu bleiben, neue Dinge kennenlernen zu wollen, offen zu sein für neue Menschen, Länder und Ereignisse – darin liegt wohl eher das Geheimnis der Jugend.

Das Offenbare der Jugend liegt aber nach der Pickelphase in der glatten Haut, den farbvollen Haaren, der „Spannung“ in Körper und Geist.

Naja, und so lange ich mich noch so jung fühle, schadet es bestimmt auch nichts, dem Äußeren mit ein paar Hilfsmitteln ein wenig auf die Sprünge zu helfen – genauso wie dem Geist, den ich mit Gesprächen mit Freundinnen und spannenden Büchern und Anteil am Leben „kreme“.

Was denn sonst?

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.