Mittwoch, 20. November 2019

Hält der Mannheimer Morgen seine Leser für vollkommen verblödet?

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Was ist der Unterschied zwischen einer Werbeanzeige und einem redaktionellen Artikel im Mannheimer Morgen zum geplanten Pfenning-Projekt?, fragt sich unser Kommentator Helle Sema. Die ernüchternde Erkenntnis: Es gibt keinen.

Kommentar: Helle Sema

Lässt sich pauschal sagen, dass der Mannheimer Morgen zu einem willfährigen Anzeigenblättchen verkommen ist, das seinen Anzeigenkunden die redaktionellen Texte ums Maul schreibt?

Nein. Das wäre sicher zu hart. In Bezug auf die geplannte Pfenning-Ansiedlung lässt sich das aber sehr wohl so sagen. Ein schönes Beispiel ist der heutige Namensartikel von Ulrich Roth, der als Urlaubsvertretung von Anja Görlitz mindestens genauso recherchefrei berichtet, was ihm die Pfenninge in die Feder diktieren.

Die Pfenning-Umsiedlung hat einen „ökologischen Aspekt“, meint Ulrich Roth.

Der Einstieg ist hochinteressant. So, wie sich das liest, ist die geplante Pfenning-Ansiedlung ein gelungenes Stück Umweltschutz: 150 Lkw-Bewegungen weniger – pro Tag! Die Umsiedlung habe einen „ökologischen Aspekt“ – statt eines hingedrehten Arguments.

Wenn Herr Roth recherchiert hätte, hätte er erfahren, was das von ihm aufgeschriebene Zitat von Herrn Nitzinger bedeutet: „(…), weil wir unsere bisherigen sieben Standorte auf einen Einzigen in Heddesheim reduzieren.“ Die Pfenning-Gruppe hat weit mehr „Standorte“ in der Region. In diesem Fall sind Läger gemeint, die auf Kundengelände stehen, wie zum Beispiel bei der Rheinchemie in Mannheim. Insofern hätte Herr Roth dann auch festgestellt, dass die Aussage „auf einen Einzigen (Standort) in Heddesheim reduzieren“ nicht zutrifft.

Vielleicht ging es um Gefälligkeiten…

Vermutlich hat Herr Roth aber auch gar nicht die Absicht gehabt, Zutreffendes zu berichten, sondern dem guten Anzeigenkunden „Pfenning“ einen Gefälligkeitsbericht zu schreiben.

Dementsprechend noch besser ist die Berichterstattung übers „Strafgeld für Falschfahrten“. Pfenning verhandelt mit der Gemeinde gerade über die Höhe des „Strafgelds“. Spätestens hier hätte Herr Roth doch mal mit der Recherche ansetzen können. Wie wird denn kontrolliert, das die Anzeigen von „Falschfahrten“ über eine „Pfenning-Hotline“ dann auch tatsächlich der Gemeinde gemeldet werden? Und noch wichtiger: Bekommen Anzeiger eine Provision? Und gibt es ab 50 Anzeigen vielleicht eine Ehrung als „Aufpasser für die Gemeinde“?

Dann darf der Geschäftsführer der KMP-Holding („Pfenning“), Uwe Nitzinger, sagen, wie das so läuft mit den Arbeitsplätzen, dass diese alle hochqualifiziert sind, die Firma konjunkturunabhängig sei und die Sicherheit gegeben ist. Und Gewerbesteuer wird auch gezahlt und das „örtliche Gewerbe“ werde befruchtet. Und zu guter Letzt: „Pfenning“ fördert die Vereine. Es fehlt eigentlich nur noch ein „Hurra“ am Schluss des Textes.

Hält der Mannheimer Morgen seine Leser für verblödet?

Ich frage mich, wie abgebrüht man als Journalist sein muss, um solch einen Werbetext ohne jeglichen Skrupel im redaktionellen Deckmantel zu schreiben? Und wie sehr muss man seine Leser verachten, dass man ihnen so einen geschönten Bericht vorsetzt? Vielleicht hält Herr Roth seine Leser ja auch nur für vollkommen verblödet? Wenn ich den Herr Roth das nächste Mal treffe, frage ich ihn das.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.