Dienstag, 18. Dezember 2018

Gabis Kolumne

Was eine „Halbjahresinformation“ bedeutet

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Guten Tag!

Heddesheim, 01. Februar 2010. Am Mittwoch gibt es die „Halbjahresinformation“. FrĂŒher hieß das „Zeugnis“. Wie es auch heißt – die Noten zeigen, ob die Kinder „auf dem richtigen Weg“ sind. Doch welcher ist das?, fragt sich Gabi, die auch nicht immer auf dem aus Sicht der eigenen Eltern „besten Weg“ war.

Dieser Tage saß ich mit meinen Freundinnen bei einer Tasse Kaffee und wir diskutierten unsere Köpfe heiß. Um was es ging? Um die sogenannte „Halbjahresinformation“.

Und wie mein Sohn mir erklÀrte, hat die auch rein gar nichts mit einem Zeugnis zu tun.

Denn, wie der Name schon sagt, wird man als Eltern sozusagen ĂŒber einen Zwischenstand informiert. Quasi wie die Halbzeit beim Fußballspiel. Was ja, wie wir alle wissen, nichts mit dem Endergebnis zu tun hat. Wobei eine 4 in der Halbzeit selten zu einer 1 im Endergebnis werden wird, genauso wenig wie ein 6:0 selten zu einem 6:10 gedreht werden kann – und ich bin bei Gott kein Fußballexperte.

Gut – noch schaue ich gelassen dem kommenden Mittwoch entgegen. Einer meiner Freundinnen ging es da schlechter: Ihr Sohn hatte seinen Halbzeitstand schon bekommen und dementsprechend war ihr GemĂŒtszustand – alles andere als bestens.

Das Ergebnis zÀhlt.

Sie erzĂ€hlt, dass eine ihrer Freundinnen vom Psychologen zu hören bekam: „Das sind nicht Ihre Noten. Sie haben ihren Schulabschluss schon gemacht. Die Kinder mĂŒssen ihren eigenen Ehrgeiz entwickeln.“

Soweit so gut. Aber was tun, wenn der Ehrgeiz nicht von alleine kommt? Sollen wir unsere Kinder einfach auflaufen lassen?

„Also, als erstes geht erst mal die Playstation auf den Speicher“, sagte meine Freundin. Wir anderen nickten zustimmend. Das war eine klare Maßnahme und wĂŒrde sicherlich wirken.

„SchrĂ€nke doch seinen Kontakt mit der Freundin ein. Das trifft ihn bestimmt“, schlug eine der Frauen vor. „Das sollte vielleicht eher mein Mann machen, sonst sieht es nach Aktion eifersĂŒchtige Mutter aus“, gab eine andere Freundin zu bedenken.

„Also ich habe bei meiner Tochter die besten Erfahrungen mit einer Mathe-Nachhilfeschule in den Ferien gemacht“, warf eine dritte Freundin ein.

Es durchzuckte uns wie ein Blitz. Ja, das sah wirklich nicht nach Spaßprogramm aus und schien, wie das Ergebnis zeigte, sehr erfolgversprechend aus. Aber konnten wir das unseren armen Schulreform-geplagten Kindern wirklich antun? Vier Wochen tĂ€glich vier Stunden Mathe in den Sommerferien? Und wer kann sich das schon leisten?

„Wenn ich mich erinnere, wie schlecht ich in der 7. Klasse war, und in der 8. Klasse hat nicht viel gefehlt und ich wĂ€re sitzengeblieben, habe ich hintenraus doch noch ganz gut abgeschnitten“, erinnerte ich mich.

Aber wir hatten das GlĂŒck der reformierten Oberstufe, fast alles, was uns nicht passte, konnten wir abwĂ€hlen.

Haben sich unsere Eltern so um die Schule gekĂŒmmert, wie wir das heute tun? „Nein, mein Vater hat mich ab und an in Latein abgehört, was ganz schrecklich war, und meine Mutter in Französisch, das war schon alles“, erzĂ€hlt eine Freundin.

Aber haben wir unsere Kinder nicht gepampert von Anfang an? Waren wir nicht im Kinderturnen, haben unzĂ€hlige Bastelnachmittage, Elternabende und LehrergesprĂ€che ĂŒber uns ergehen lassen? Wie können wir sie jetzt mitten in der PubertĂ€t sitzen lassen und von ihnen eigenen Ehrgeiz erwarten?

Das Leben ist kein Picknick.

„Ja, und was machst Du, wenn Dein Sohn eine Ausbildung anfĂ€ngt oder studiert? Wirst Du ihm dann die Berichte schreiben oder bei den Seminararbeiten helfen?“, fragt mich eine Freundin. „Aber nein, nach der Schule ist er selbstverantwortlich“, entgegne ich nicht ganz so ĂŒberzeugt, wie ich es gerne sein wĂŒrde.

Es ist nicht immer leicht eine Position zu finden, wenn man die Kinder einerseits so gut verstehen kann und andererseits weiß, dass das Leben eben kein Picknick ist. Und fĂŒr den Blödsinn, den wir veranstaltet haben, waren wir schließlich auch selbst verantwortlich.

Schule ist schließlich nicht alles, versuche ich mich zu beruhigen. „Wenn meine Kinder eine schlechte Note nach Hause bringen, ist mein Tag gelaufen“, gesteht eine gute Bekannte. Und trifft mit dieser Aussage in der Runde auf mehr VerstĂ€ndnis als auf Widerspruch.

Der nĂ€chste Mittwoch darf und wird kommen und schließlich ist es ja nur eine Halbjahresinformation und kein Halbjahreszeugnis wie in meiner Schulzeit.

Da gab es auch noch keine Zensuren wie 5+ oder 3-4. Da war eine 5 eine 5 und man hatte eine 3 oder eine 4 oder auch eine 1 oder eine 2.

„Siehst du“, sagte mein Sohn, „deshalb heißt es jetzt ja auch Information.“

gabi

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist GrĂŒndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten PortrĂ€ts und Reportagen oder macht investigative StĂŒcke.