Donnerstag, 24. August 2017

Gabis Kolumne

Was eine „Halbjahresinformation“ bedeutet

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Guten Tag!

Heddesheim, 01. Februar 2010. Am Mittwoch gibt es die „Halbjahresinformation“. Fr├╝her hie├č das „Zeugnis“. Wie es auch hei├čt – die Noten zeigen, ob die Kinder „auf dem richtigen Weg“ sind. Doch welcher ist das?, fragt sich Gabi, die auch nicht immer auf dem aus Sicht der eigenen Eltern „besten Weg“ war.

Dieser Tage sa├č ich mit meinen Freundinnen bei einer Tasse Kaffee und wir diskutierten unsere K├Âpfe hei├č. Um was es ging? Um die sogenannte „Halbjahresinformation“.

Und wie mein Sohn mir erkl├Ąrte, hat die auch rein gar nichts mit einem Zeugnis zu tun.

Denn, wie der Name schon sagt, wird man als Eltern sozusagen ├╝ber einen Zwischenstand informiert. Quasi wie die Halbzeit beim Fu├čballspiel. Was ja, wie wir alle wissen, nichts mit dem Endergebnis zu tun hat. Wobei eine 4 in der Halbzeit selten zu einer 1 im Endergebnis werden wird, genauso wenig wie ein 6:0 selten zu einem 6:10 gedreht werden kann – und ich bin bei Gott kein Fu├čballexperte.

Gut – noch schaue ich gelassen dem kommenden Mittwoch entgegen. Einer meiner Freundinnen ging es da schlechter: Ihr Sohn hatte seinen Halbzeitstand schon bekommen und dementsprechend war ihr Gem├╝tszustand – alles andere als bestens.

Das Ergebnis z├Ąhlt.

Sie erz├Ąhlt, dass eine ihrer Freundinnen vom Psychologen zu h├Âren bekam: „Das sind nicht Ihre Noten. Sie haben ihren Schulabschluss schon gemacht. Die Kinder m├╝ssen ihren eigenen Ehrgeiz entwickeln.“

Soweit so gut. Aber was tun, wenn der Ehrgeiz nicht von alleine kommt? Sollen wir unsere Kinder einfach auflaufen lassen?

„Also, als erstes geht erst mal die Playstation auf den Speicher“, sagte meine Freundin. Wir anderen nickten zustimmend. Das war eine klare Ma├čnahme und w├╝rde sicherlich wirken.

„Schr├Ąnke doch seinen Kontakt mit der Freundin ein. Das trifft ihn bestimmt“, schlug eine der Frauen vor. „Das sollte vielleicht eher mein Mann machen, sonst sieht es nach Aktion eifers├╝chtige Mutter aus“, gab eine andere Freundin zu bedenken.

„Also ich habe bei meiner Tochter die besten Erfahrungen mit einer Mathe-Nachhilfeschule in den Ferien gemacht“, warf eine dritte Freundin ein.

Es durchzuckte uns wie ein Blitz. Ja, das sah wirklich nicht nach Spa├čprogramm aus und schien, wie das Ergebnis zeigte, sehr erfolgversprechend aus. Aber konnten wir das unseren armen Schulreform-geplagten Kindern wirklich antun? Vier Wochen t├Ąglich vier Stunden Mathe in den Sommerferien? Und wer kann sich das schon leisten?

„Wenn ich mich erinnere, wie schlecht ich in der 7. Klasse war, und in der 8. Klasse hat nicht viel gefehlt und ich w├Ąre sitzengeblieben, habe ich hintenraus doch noch ganz gut abgeschnitten“, erinnerte ich mich.

Aber wir hatten das Gl├╝ck der reformierten Oberstufe, fast alles, was uns nicht passte, konnten wir abw├Ąhlen.

Haben sich unsere Eltern so um die Schule gek├╝mmert, wie wir das heute tun? „Nein, mein Vater hat mich ab und an in Latein abgeh├Ârt, was ganz schrecklich war, und meine Mutter in Franz├Âsisch, das war schon alles“, erz├Ąhlt eine Freundin.

Aber haben wir unsere Kinder nicht gepampert von Anfang an? Waren wir nicht im Kinderturnen, haben unz├Ąhlige Bastelnachmittage, Elternabende und Lehrergespr├Ąche ├╝ber uns ergehen lassen? Wie k├Ânnen wir sie jetzt mitten in der Pubert├Ąt sitzen lassen und von ihnen eigenen Ehrgeiz erwarten?

Das Leben ist kein Picknick.

„Ja, und was machst Du, wenn Dein Sohn eine Ausbildung anf├Ąngt oder studiert? Wirst Du ihm dann die Berichte schreiben oder bei den Seminararbeiten helfen?“, fragt mich eine Freundin. „Aber nein, nach der Schule ist er selbstverantwortlich“, entgegne ich nicht ganz so ├╝berzeugt, wie ich es gerne sein w├╝rde.

Es ist nicht immer leicht eine Position zu finden, wenn man die Kinder einerseits so gut verstehen kann und andererseits wei├č, dass das Leben eben kein Picknick ist. Und f├╝r den Bl├Âdsinn, den wir veranstaltet haben, waren wir schlie├člich auch selbst verantwortlich.

Schule ist schlie├člich nicht alles, versuche ich mich zu beruhigen. „Wenn meine Kinder eine schlechte Note nach Hause bringen, ist mein Tag gelaufen“, gesteht eine gute Bekannte. Und trifft mit dieser Aussage in der Runde auf mehr Verst├Ąndnis als auf Widerspruch.

Der n├Ąchste Mittwoch darf und wird kommen und schlie├člich ist es ja nur eine Halbjahresinformation und kein Halbjahreszeugnis wie in meiner Schulzeit.

Da gab es auch noch keine Zensuren wie 5+ oder 3-4. Da war eine 5 eine 5 und man hatte eine 3 oder eine 4 oder auch eine 1 oder eine 2.

„Siehst du“, sagte mein Sohn, „deshalb hei├čt es jetzt ja auch Information.“

gabi

├ťber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gr├╝ndungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Portr├Ąts und Reportagen oder macht investigative St├╝cke.

  • Michael M├╝ller

    Im TV l├Ąuft derzeit ein Werbespot f├╝r Nachilfe, in dem die Noten gro├č und bedrohlich in der Wohnung herum stehen.

    Schaut euch mal die Eltern in dem Spot genau an: die sind solche verh├Ąrmten, zombie-artigen Sklaven der Leistungs- und Statusgesellschaft, dass man am liebsten schreiend wegrennen m├Âchte.

    Also wenn ihr eure Kids zu willigen Sklaven heranziehen wollt, welche die Bonis der Banker erwirtschaften, dann m├╝sst ihr ganz doll auf gute Noten achten, und nicht darauf, ob es den Kids gut geht und ob sie ihr Potenzial enfalten.

  • Gabi

    Lieber Michael M├╝ller,

    ich kenne den Spot leider noch nicht – er h├Ârt sich aber wirklich schrecklich an.

    Au├čerdem bin ich ganz Ihrer Meinung, dass man den Kindern ihre Kindheit lassen sollte.

    Wir haben hier in Baden-W├╝rttemberg anders als bei Ihnen in Berlin immer noch das dreigliedrige Schulsystem.

    Hinzu kommen eine verkorkste G8-Reform und das Dilemma mit der Werkrealschule.

    Ginge es nach mir, w├╝rden die Kinder bis einschlie├člich der 7. Klasse zusammen lernen und die schw├Ącheren Sch├╝ler von den leistungsst├Ąrkeren profitieren.

    Au├čerdem w├Ąre das auch sehr viel besser f├╝r den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft. Die fr├╝he Trennung der Kinder f├╝hrt dazu, dass es die Gruppe der Hauptsch├╝ler, der Realsch├╝ler und der Gymnasiasten gibt. Das f├╝hrt nicht zu einem sozialen Miteinander, sondern trennt die Bev├Âlkerung, was ich sehr schade finde.

    Trotzdem muss ich Ihnen ein klein wenig widersprechen: Die Kinder lernen auch durch das Schulsystem den Weg ins erwachsene Leben. Leistungsbereitschaft geh├Ârt dazu und wer das fr├╝hzeitig lernt, kommt sp├Ąter besser zurecht.

    Wenn unser System allerdings so bl├Âd konstruiert ist, dass schon Grundsch├╝ler Nachhilfe bekommen m├╝ssen, dann sollte man wirklich nicht ├╝ber scheinbar „dumme“ Kinder nachdenken, daf├╝r aber umso mehr ├╝ber dumme Politiker.

    Eines kann ich versprechen: Meine Kinder sind sehr selbstst├Ąndig und lernen, ihren eigenen Kopf zu benutzen. Und sie werden ganz sicher keine Boni-Sklaven werden.

    Ihre Gabi

    P.S. Der Sohn m├Âchte wahrscheinlich Geologe werden, daf├╝r muss er halt in Mathe und Physik gut sein. Hilft halt nix. Die Tochter will Lehrerin werden – sie geht anscheinend gern zur Schule.