Dienstag, 25. April 2017

Gabis Kolumne

Die roten Schuhe

Rhein-Neckar, 01. Juli 2013. (red) Highheels sind nicht unbedingt das, worauf Gabi steht. Nach einem Blick in ein Schaufenster war alles anders als zuvor. Man könnte meinen, Schuhe sind Schuhe. Doch Schuhe und insbesondere rote Schuhe mit hohem Absatz sind geeignet, das Lebensgefühl grundsätzlich zu verändern.

Die roten Schuhe. Foto: Rheinneckarblog.

Die roten Schuhe. Foto: Rheinneckarblog.

Es passierte vor gut vier Monaten. Ich ging durch die Stadt, betrachtete Schaufenster und da sah ich sie: orange-rote Lackpumps mit hohem Absatz.

Jetzt ist es so, dass ich nicht zu den Frauen gehöre, die eine Unzahl von Schuhen ihr eigen nennen. Ich habe immer genau so viel Schuhe, wie ich brauche – manchmal sogar eher weniger. Motto: Die tun’s noch.

Aber es ist auch nicht so, dass ich nur vernünftiges Schuhwerk kaufe – ganz im Gegenteil. Oft sind meine Schuhe unbequem, aber sehr hübsch. Was sie definitiv nicht sind, ist hoch. Zum Leidwesen meiner Tochter, die mir kürzlich erklärte, sie hätte nie in den Highheels ihrer Mutter laufen lernen können.

Ich musste sie haben.

Doch in diesem Moment vor dem Schaufenster, wusste ich: Ich musste sie haben, wozu auch immer.

Ich betrat das Geschäft, ließ mir den zweiten Schuh bringen, probierte an und sie passten. Ohne lange darüber nachzudenken, ging ich zur Kasse und zahlte.

Vier Monate standen sie nun im Schrank, ab und zu holte ich sie hervor, fand sie wunderschön, überlegte zu welchen Gelegenheiten ich sie tragen könnte – und davon gab es einige – und stellte sie wieder zurück.

Bis vor drei Tagen. Es regnete in Strömen und ich machte mich für die Arbeit fertig. Jeans, weißes Shirt, schwarzer Blazer – lockerer Business-Dress. Der Freitag wollte grau werden, wie so viele Tage in diesem Jahr. Plötzlich wusste ich, der Tag für meine roten Schuhe war gekommen.

Was fĂĽr ein Zauber

Ich streifte sie über und kam mir augenblicklich vor wie Judy Garland im „Zauberer von Oz“. Meine Schritte wurden selbstbewusster und leichter und der graue Himmel fing fast an zu strahlen.

In meiner Abteilung arbeiten sechs Frauen zwischen Mitte DreiĂźig und Mitte Sechzig. Und wie das so ist unter Frauen, sind Klamotten und Styling immer mal wieder ein Thema und – das möchte ich hier ganz klar betonen, denn auch das ist nicht selbstverständlich – immer auf die gute Art. Das heiĂźt, wir freuen uns fĂĽr die anderen, wenn sie was Neues haben und machen Komplimente.

Herzklopfen und Komplimente

So kam ich mit Herzklopfen bei der Arbeit an, denn ich war sicher, meine Schuhe würden bemerkt – und ich möchte es nicht verheimlichen – in der Tasche hatte ich flache Ersatzschuhe für den Notfall, welchen auch immer, dabei. Hübsche schwarze Ballerinas, mit Schleife und komplett flach.

Schon im Flur begegnete mir eine Kollegin. Sofort blieb ihr Blick an meinen Füßen, respektive den Schuhen, hängen. „Wow“, sagte sie. „Solche hatte ich auch, als ich noch jung war, aber ich habe sie nur am Abend getragen“, sagte die zweite. Ich spürte, wie ich mich sicherer fühlte. Beim Laufen in meinem neuen Ich.

Auf dem Weg zu meinem Büro begegnete ich an diesem Tag einem männlichen Kollegen, der für seine lockeren Sprüche bekannt ist. „Bah, was sind das für geile Teile“, kommentierte er und schaute wie gebannt auf meine Füße. Ich musste lachen.

Einfach schön

Doch wirklich Erstaunliches passierte erst Stunden später: Ich begegnete meinem Chef im Sekretariat. Er ist die Korrektheit in Person. Persönliches, Komplimente, Anzügliches – alles Fehlanzeige. Es geht um die Arbeit, die man macht, nicht mehr und nicht weniger. Zum ersten Mal in zehn Jahren hatte ich das Gefühl, dass er mich wirklich anschaute: „Ihre Schuhe sind das Gegenteil vom Wetter, einfach schön“, sagte er, ging aus dem Raum und ließ mich staunend zurück.

Zuhause zog ich meine Schuhe aus und betrachtete sie mit liebevollem Blick. Ich stellte sie zurück in den Schrank und wusste, der Tag sie erneut anzuziehen wird kommen – irgendwann. Und ich freue mich drauf.

gabi

Ăśber Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.