Montag, 10. Dezember 2018

„Deutschland, entblättert“ – ein journalistisches Glanzstück über den Niedergang derselben Branche

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Guten Tag!

Heddesheim, 01. Dezember 2009. Was die Journalistin Anita Blasberg in ihrem ZEIT-Artikel aufschreibt, ist ein Drama. Ganz ehrlich? Ich habe geheult, als ich den Text gelesen habe.
Sehr klar, sehr faktisch, ohne Ãœbertreibung schreibt die Journalistin Blasberg auf, wie es dem Journalismus in Deutschland geht. Er ist ein Koma-Patient. Die Frage ist, wann die lebenserhaltenden Maßnahmen abgeschaltet werden. Die andere Frage ist, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.

Kommentar: Hardy Prothmann

Ich habe seit langer Zeit keine treffendere Reportage, keinen analytischeren Bericht, kein mitreißenderes Feature gelesen, als das, was Anita Blasberg (Ko-Autor Götz Hamann) gerade in der ZEIT veröffentlicht hat. Ein großartiges Stück Journalismus. Aber eins, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.

Es geht nicht um 09/11, um den Irak oder den Iran, Korea, nicht um die Wirtschafts- oder die Finanzkrise, auch nicht um Opel oder VW und Porsche. Und schon gar nicht um die Banken.

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Zeit-Dokument. Anita Blasberg über den kritischen Zustand des Journalismus in Deutschland. Bild: hblog

Es geht um mehr als all das. Es geht darum, wie und ob über all das berichtet wird.

Ich kenne diese Journalistin nicht. „Deutschland, entblättert“ ist der erste Bericht, den ich bewusst unter ihrem Namen gelesen habe. Was die junge Frau (Jahrgang 1977) schreibt, ist vorbildlich recherchiert. Viele ihrer Fakten kenne ich. Ich habe sie selbst recherchiert und weiß, dass sie stimmen.

Frau Blasberg erzählt ihre Recherche lakonisch. Ganz einfach. Ohne Häme. So also würde Sie über irgendetwas ganz „Normales“ berichten. Eine Vereinsfeier, eine Geschäftseröffnung oder -schließung oder die Ehrung verdienter Mitglieder eines Vereins.

Tatsächlich beschreibt Frau Blasberg eine Katastrophe, deren Auswirkungen sich nur wenige Menschen bewusst sind oder sein wollen.

Frau Blasberg schreibt über das Ende des Journalismus und bietet selbst besten Journalismus an.

Das ist absurd. Aber es ist trotzdem wahr.

Frau Blasbergs Text ist ein grandioses Stück Journalismus.

Aber es ist auch ein dramatischer Text. Das Drama hat einen paradoxen Journalismus zum Inhalt. Die Zuschauer sind Teil des Dramas. Die Frage ist, wie viele begreifen, inwieweit dieses Drama ihr eigenes werden wird oder schon ist.

Dieses Drama spielt aber vor allem auf der Bühne des Journalismus selbst. Und es liest sich wie eine Adaption von Luigi Pirandellos „sei personaggi in cerca di autore“ (Sechs Personen suchen ihren Autor).

Frau Blasberg schreibt über eine Krise, die immens ist. Geradezu fundamental. Eine Krise, die aber nicht nur eine Branche trifft, sondern uns alle.

Unsere Demokratie. Unsere Freiheit. Unsere Wirtschaft. Unsere Politik. Unsere Verfassung.

Ich möchte der Kollegin zu diesem umwerfenden Stück von hervorragendem Journalismus einfach nur gratulieren.

Indem Sie die Krise der Medien so nachvollziehbar beschreiben, haben Sie ein Stück Zeitgeschichte dokumentiert.

Ihr Stück ist ein „Zeit“-Dokument. Keine „investigative“ Recherche, kein „kreischendes Stück“ Boulevard, kein „Aufreger der Woche“, keine „Statistik oder Umfrage“. Sondern einfach nur ein Stück brillant recherchierter Informationen, die analytisch hervorragend in einen langen, aber lesenswerten Artikel gegossen wurden, der zeigt, was Journalismus bis heute noch kann: Für Aufklärung sorgen.

Dieser Text hat mich persönlich angerührt. Ich habe tatsächlich geweint, weil viele Medien genannt werden und Kollegen, die ich kenne und mit denen und für die ich gearbeitet habe. Mit manchen habe ich mich auch „gezofft“. Und ich finde es „ungerecht“, dass alles so ist und kommt, wie es Frau Blasberg beschreibt – nämlich mindestens bedroht oder schon am Ende.

Mein persönlicher Grund der Betroffenheit ist: Ich bin Journalist aus Ãœberzeugung. Und wenn Frau Blasberg ganz zutreffend einen „Bocksgesang“ auf unsere Branche beschreibt – kocht in mir die Wut, die Verzweiflung und die Trauer, dass das, was einmal gut und wichtig war, im Sterben liegen soll. Oder liegt.

Andererseits: Genau deswegen mache ich das heddesheimblog.

Ich glaube an die wichtige Funktion eines professionellen Journalismus.

Und ich bin sicher, dass es genug Kollegen gibt, die auch in Zukunft dafür sorgen, dass die Menschen gut recherchierte Informationen erhalten.

Immer weniger über die gedruckte Zeitung, dafür aber immer mehr über das Internet oder andere elektronische Dienste.

Was Frau Blasberg beschreibt, erinnert mich an Heddesheim – auch, wenn es hier keine NPD gibt. Es erinnert mich an die Null-Recherche zum Thema „Pfenning“ durch den Mannheimer Morgen, die RNZ oder die Weinheimer Nachrichten – über die journalistische Trostlosigkeit des RNF rege ich mich nicht auf. Aber über die des SWR, der schließlich gebührenfinanziert doch noch irgendetwas hergeben sollte.

Die Analogie ist: „Was muss, dass muss.“ Feste, Vereine, Erfolg, Zufriedenheit – alles ist wie immer in diesen „etablierten“ Medien. Die andere und sich selbst ein ums andere Mal bestätigen – garantiert frei von Recherche und noch garantierter frei von kritischen Bemerkungen. Denn dafür ist kein Platz – das will angeblich auch niemand. Denn das könnte ja jemanden „stören“ oder „aufregen“.

Zustände wie in Anklam braucht kein Mensch.

Über Hardy Prothmann

Hardy Prothmann (50) ist seit 1991 freier Journalist und Chefredakteur von Rheinneckarblog.de. Er ist Gründungsmitglied von Netzwerk Recherche. Er schreibt am liebsten Porträts und Reportagen oder macht investigative Stücke.